Förderalismus
Was auch passiert, es liegt am Förderalismus. Der stört uns, obgleich wir die Staaten [1] genannten Länder der USA für ganz normal halten und deren Unter­schiede hinter denen deutscher Länder nicht zurück­fallen. [2] Ich meine mich auch an ein Buch über Staaten­geo­grafie zu erinnern, in dem Staaten nach ihrer Größe aufge­tragen und zwei deut­liche Berge zu erkennen waren: Einer in der Größen­ordnung von Holland und der andere von Deutsch­land. Für erstere ist eine Unter­glie­derung in teil­unabhän­gige Pro­vinzen mit Regie­rung, Parla­ment, Verwal­tung und Rechts­sprechung nicht sinnvoll, für letztere aber schon.

Immer wieder wird beklagt, daß unser Bildungssystem der Länder­hoheit unter­liegt, das Abitur in manchen Ländern leichter, aber auch weniger ange­sehen ist. [3] Was aber nützt es einem Bayern im Ausland, wenn man seinen eigen­artigen Dialekt nicht erkennt und ihn dort für einen Bremer hält? Gäbe es keine Länder­unter­schiede bliebe immer noch das Ansehen von Nationen, Städten, Schulen, Univer­sitäten, Insti­tuten. Und Gleich­heit in der Welt ist noch lange nicht erreicht. [4] Sonst wäre es nicht möglich, sich mit dubiosen oder gekauften Abschlüssen samt Ausländer­bonus an deut­schen Univer­sitäten durch­zumogeln.

In der Corona-Krise wird zwar gelegentlich betont, daß dank der förde­ralen Stuktur unseres Landes schnell vor Ort reagiert werden konnte, doch in den berühmten Meinungs­bildern unseres linearen Fern­sehens beklagt sich das deutsche Volk ständig über Unter­schiede. Und Journa­listen legen nach: Es fällt schwer den Über­blick zu behalten. Muß ich aber auch gar nicht. Ich bin kein Möbelhaus-​Tourist und verlasse Hessen nicht. Wollte ich es genau wissen, müßte ich nur nach „Corana Hessen“ googeln, und schon würde mir alles mitgeteilt.

Ein Vorteil der Unterschiede könnte darin bestehen, die Wirksam­keit gewisser Maßnahmen oder die Schäd­lichkeit von Öffnungen zu belegen oder auch nicht. Wenn Thüringen in den letzten Tagen hinter dem Bundes­durch­schnitt zurück­fällt, so haben die Masken wohl nicht viel gebracht, in Sachsen mögli­cher­weise schon. Wenn Bremen seinen Vorteil gegen­über dem umge­benden Nieder­sachsen verspielt hat, sollte man nach Ursachen fragen. Wenn das gebeu­telte Bayern es in den letzten zwei Wochen endlich geschafft hat, sich gemessen an anderen leicht zu verbes­sern, mag das der Hart­näckig­keit von Markus Söder zu verdanken sein.

Nun geht es uns wieder etwas besser, und schon beginnen einzelne Bundes­länder mit Öffnungen ohne voran­gehende Diskus­sions­orgien. In Sachen-​Anhalt mag das wegen der nach Mecklen­burg-​Vorpom­mern zweit­niedrig­sten Infek­tions­zahlen noch verständ­lich sein, auch im ganzen corona­armen Osten, der dadurch auch einmal einen Vorteil nutzen könnte. Doch das Saar­land hat sich nun wahr­lich nicht mit Ruhm bekleckert: Zu Beginn weit­gehend verschont, doch dann wohl dank mangelnder Abschot­tung zu Frank­reich eine bestän­dige Zunahme um den Faktor zwei von 35 Pro­zent unter auf 35 Pro­zent über dem Bundes­durch­schnitt. Wenn man es so sehen mag: Die „Infek­tions­kurve flacht deut­lich ab“. Das reicht dem Dritt­plat­zierten für Öffnungen!

[1] Von den Stadtstaaten abgesehen nennen sich Bayern, Sachsen und Thüringen sogar Freistaaten.

[2] Meines Wissens hat Hessen 2018 als letztes Bundesland die Todesstrafe gestrichen.

[3] Wer fernsieht, bleibt auch von artigen Jungs nicht verschont, die sich von Abitur­prüfungen viel verspre­chen und Angst haben, als Corona-​Jahrgang abge­stempelt zu werden. Es fehlt eben ein Schul­fach, in dem man vom Schleim befreit lernt, daß schon nach kurzer Zeit keiner mehr nach der Durch­schnitts­note und dem Bundes­land fragt. Wir haben das Kurz­schul­jahr und G8 schadlos über­standen.

[4] Früher gab es zum Diplom zwei Blätter, eine Urkunde und ein Prüfungs­zeugnis. Heute wird dem Bachelor eine Mappe beige­fügt, in der auch auf englisch alle Leistun­gen aufge­führt sind, unser Ausbil­dungs­system erläu­tert wird und Prozent­sätze zu den einzelnen Noten genannt werden.

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Nach der Eindämmung von Webasto war Bayern durschnitt­lich, wurde Anfang April wohl durch den Eintrag aus den Alpen zum Spitzen­reiter, lag bald um den Faktor 1,7 über dem Bundes­durch­schnitt, konnte sich in den letzten Wochen aber leicht verbes­sern. Markus Söder ist deshalb gut beraten, hart zu bleiben und diesen leichten Trend nicht wieder zu verspielen. Das Nachbar­land Baden-​Württem­berg steht unauf­fällig auf dem zweiten Platz und verharrt seit Anfang an weit­gehend unver­ändert beim Andert­halb­fachen des Bundes­durch­schnittes. Interes­santer ist das Saarland auf Platz 3, das von 0,5 Anfang März auf 1,435 am 10. April gestiegen ist und seither knapp den Vorsprung vor Hamburg hält. Diese Kata­strophe ist wohl den fran­zösi­schen Nach­barn zu verdanken, die man auch zur Arbeit nicht hätte rein­lassen dürfen. Die leichte Verbes­serung der letzten Wochen verleitet Tobias Hans, trotzdem mit Öffnungen vorzu­preschen. Die Hanse­stadt Hamburg lag zu Beginn der Kontakt­beschrän­kungen noch mit dem Faktor 2 ganz vorne, nachdem dank ihrer Winter­ferien das Virus aus den Alpen einge­schleppt wurde. Zwischen­zeitlich konnte sie auf 1,3 sinken und ließ auf dem Weg erst Bayern, dann Baden-​Württem­berg und schließ­lich das Saar­land hinter sich.

Angesichts des Aufsehens von Heinsberg, wo man sich im feucht­fröh­lichen Karneval ordent­lich durch­seuchte, halten viele Nordrhein-​Westfalen für die Corona-​Hochburg, doch ist die Zahl der Erkrankten schnell knapp unter den Bundes­durch­schnitt gesunken und dort geblieben. Trotzdem reicht es für Platz 5 von 16. Es mag gute Gründe für Armin Laschet geben, Öffnungen herbei­zureden und für sein Land umzu­setzen. Die leicht anzie­henden Zahlen sprechen aber eine andere Sprache. Zu Berlin auf Platz 6 gibt es wenig zu sagen. Dort hat man über­durch­schnitt­lich begonnen und verharrt nun bei 1/6 unter dem Durch­schnitt. Das mag Münchener beschämen, ist aber wohl dem günstigen Umland zu verdanken. Weniger günstig sind die Nachbarn für Rheinland-​Pfalz. Trotzdem liegt dieses Land stabil 1/4 unter der Mittel­linie auf Platz 7. Es folgt der einzig günsti­gere Nachbar Hessen mit 30 Pro­zent unter dem Bundes­durch­schnitt. Die Zahlen ziehen zur Zeit leicht an, mir sind aber auch keine über­trie­benen Öffnungen bekannt.

Auf Platz 9 der Aufsteiger der Woche, die Hanse­stadt Bremen. Nach einem mit anderen Städten vergleich­baren über­durch­schnitt­lichen Start ging es runter auf 50 Pro­zent, um bis heute wieder auf knapp 70 Pro­zent zu klettern. Allge­meine städti­sche Probleme kann man dafür nicht verant­wort­lich machen, auch nicht Bremer­haven, wo es bis vor drei Tagen keinen einzigen Toten gab. Bliebe das Umland Nieder­sachen, das aber gerade von Bremen einge­holt auch nicht mehr herhalten kann. Dort liegt man mit 66 Prozent auf Platz 10. In der ehemaligen DDR sieht es besser aus. Von allen fünf sog. neuen Ländern ist Branden­burg mit knapp 60 Pro­zent am schlech­testen dran, wo man sich wohl ange­sichts des Nachbarn Berlin mit Erleich­terungen zurück­halten wird, zumal man gerade Sachsen einge­holt hat, das nunmehr Platz 12 innehat.

In Erfurt mußte man schon recht früh Masken tragen. Trotzdem geht es in Thüringen wieder bergauf, nachdem man von ganz unten kommend lange Zeit bei 50 Pro­zent verharrte. Es kann also nicht an den bayrischen Nachbarn liegen, wenn es nun wieder 56 Pro­zent wurden. Zu Ostern hatte man gerade Schleswig-​Holstein eingeholt, das knapp unter der Hälfte des Bundes­durch­schnittes ausharrt und nun den 14. Platz innehat. In Sachsen-Anhalt schiebt sich Reiner Haseloff als Physiker-​Kollege von Angela Merkel gerade an die Öffnungs­front, zumal er mit 36 Pro­zent auf dem vorletzten Platz gut dastehe, aller­dings weit abge­schlagen von Mecklenburg-​Vorpommern, wo die wenigen Bewohner die verseuchten Touristen konse­quent nach Hause schickten. Dort liegt man fast fünffach unter dem Bundes­durch­schnitt.

[1] 07.05.2020: Nur ein Tag vergangen, und schon hat sich die Besten­liste geändert. Bremen liegt mit 29,6 Pro­zent unter dem Bundes­durch­schnitt nun auf Platz 8 vor Hessen mit 30,3 Pro­zent, das nunmehr in die zweite (bessere) Hälfte der Länder gerutscht ist. Sachsen und Branden­burg müssen sich anstren­gen, um nicht dank Greiz von Thüringen einge­holt zu werden.

[2] 13.05.2020: In den letzten Tagen haben drei Paare ihre Plätze getauscht. Hamburg hat das Saarland wieder auf Platz 4 verwiesen, was weniger den geringen Zahlen an der franzö­sischen Grenze zu verdanken ist. Vielmehr haben die Hanse­aten einen ganzen Batzen Erkrankter nachge­liefert. Es kann gar nicht oft genug betont werden, daß zur sofor­tigen Bekämpfung der Epidemie gute Zahlen wichtiger sind als medizi­nische Studien, die ihre Berech­tigung für die fernere Zukunft haben. Die andere Hanse­stadt holt weiter beständig auf und liegt nun vor Rheinland-​Pfalz auf Platz 7. Man sollte sich in Bremen ernsthafte Gedanken über die Ursachen machen. Sowohl die Zweit­stadt Bremer­haven als auch das Umland Nieder­sachsen stehen besser da. Das fehlende platte Land taugt nur als Floskel. Und auch die Thüringer sollten nicht alles auf eine Hoch­burg schieben, wenn sie nunmehr Sachsen auf den 13. Platz gedrängt haben. Ein Zusammen­hang dieser Bewegungen mit den verschie­denen Öffnungs­arten ist nicht zu erkennen.

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