Auferstanden aus Ruinen
Auf einer AfD-Veran­stal­tung machte der Kaba­ret­tist Uwe Steimle ein paar Witze, die er besser gelas­sen hätte und in mir den Gedan­ken auf­blit­zen ließen, er sei die Sarah Bosetti der Rech­ten. Auch das mit Sieg­mund und Chru­palla wohl nicht abge­spro­chene Absin­gen der ost­deut­schen Nati­onal­hymne hätte ich gelas­sen, denn man weiß nicht, was stär­ker wirkt, das Ent­setzen der Gesamt­bevöl­kerung oder die Ostal­gie der dem­nächst zur Wahl Auf­geru­fenen.

Aber schön, daß in der nach­fol­genden Dis­kus­sion nun zur Sprache kommt, daß der Text in der DDR wie die ersten Stro­phen des Deutsch­land­liedes zwar nicht ver­boten war, doch nicht mehr zu offi­ziel­len Anläs­sen gesun­gen werden durfte, ähn­lich der Deutsch­land­fahne heute.

Heidewitzka, Herr Kapitän

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Geschäftsordnung
Wer jemals in einer Partei auch nur etwas aktiv war, kennt sie, die Beid­armi­gen mit ihren Anträ­gen zur Ge­schäfts­ord­nung. Als Dele­gierte auf Partei­tagen lungern diese immer glei­chen gerne in der Nähe des Mikro­phons herum. Wer sich die Über­tra­gung des AfD-​Partei­tages ange­sehen hat, weiß, daß nach späte­stens zwei Rede­beiträ­gen ein Antrag auf Ende der De­batte, zumin­dest Schlie­ßung der Redner­liste gestellt wird. Oft ist das ziel­füh­rend und zeit­sparend, wenn so und so klar ist, wie die nach­fol­gende Abstim­mung aus­fallen wird.

Eine Steigerung besteht darin, sich bessere Durch­set­zungs­chan­cen zu sichern, indem man zuvor die Geschäfts­ord­nung oder andere Vor­schrif­ten ändert. Das ist ein immer belieb­ter wer­den­dens Mittel, die AfD aus­zugren­zen. Eine leichte Übung besteht darin, mit ein­facher Mehr­heit Ein­spruchs­möglich­keiten oder Minder­heiten­rechte zu be­schnei­den. Beglei­tend kann man sie von finan­ziel­len Zuwen­dun­gen fern­halten, ihnen Posten verweh­ren, gar nach­träg­lich aber­kennen.

Noch glücklicher kann man sich schätzen, mit Zwei­drittel­mehr­heit nicht nur die Geschäfts­ord­nung ändern und ein­fache Gesetze be­schlie­ßen, son­dern selbst die Ver­fas­sung anpas­sen zu kön­nen. Fall auf Linie ge­brachte Ver­fas­sungs­ge­richte wider Erwar­ten ein­schrei­ten, ist zumin­dest teil­weise der beab­sich­tigte Scha­den bereits ent­standen. Parade­bei­spiel war die Auf­lö­sung der Schul­den­bremse mit einer bereits abge­wähl­ten Mehr­heit.

So liegt die Schnaps­idee nahe, für die Wahl eines neuen Mini­ster­präsi­denten in Sach­sen-​Anhalt eine Zwei­drittel­mehr­heit vorzu­sehen, solange man sie noch selbst hat. Würde das nicht vom Ver­fas­sungs­gericht kas­siert, könnte Sven Schulze nicht auf ewig, aber vier Jahre oder bis zu seinem Tode weiter­regie­ren. Danach wäre Sach­sen-​Anhalt füh­rungs­los, solange die AfD gemein­sam mit anderen, denen dieser Zustand eben­falls auf den Keks gehen wird, nicht die Zwei­drittel­mehr­heit erreicht.

Um das gleiche ohne Ver­fas­sungs­ände­rung zu bewir­ken, ist zumin­dest eine abso­lute Mehr­heit der AfD zu ver­hinden. Ich hoffe, es gelingt nicht. Falls doch, blei­ben BSW und Über­läufer aus der CDU. Alter­nativ die SPD unter die Fünf­pro­zent-​Hürde zu drücken, wird wohl nicht gelin­gen, da viele Wähler aus Mit­leid oder ‚stra­te­gisch‘ den­kend das ver­hin­dern werden.

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95 ¢
Ich habe mich nur ungern und selten durch Portale gewühlt, wo die Arbeit auf mich verla­gern. Auch bei Amazon und Kon­sor­ten habe ich dieses Jahr noch nichts bestellt. Da viele auch keine elek­troni­sche Anschrift nennen, schrieb ich gele­gent­lich an das Impres­sum. Doch vor zwei Wochen habe ich wieder 95 Cent inve­stiert, um mich schrift­lich zu bekla­gen, denn ein Brief muß abge­legt, andern­falls zumin­dest gescant werden, ist also schlecht zu igno­rieren.

Ab heute Nach­mitag werde ich davon regel­mäßig Gebrauch machen, auch wenn die soeben be­schlos­sene Chat-​Kon­trolle mehr auf das zielt, was man auf dem Mobil­tele­fon ver­schie­denen Kom­muni­kations­dien­sten anver­traut, denn was ich hier schreibe, kann so und so jeder­mann lesen, sollte es sogar, macht es aber immer weniger. Sollte ein selbst­ernann­ter Tugend­wächter wie auf Twitter gesche­hen, etwas bean­standen, kann er zumin­dest eini­ger­maßen im Recht ohne wei­teres meine Iden­tität ermit­teln lassen. Es würde sich nicht lohnen, denn ich bin so alt, daß jede Drohung verpufft.

1948 über­schätzte George Orwell die Mög­lich­keiten des Jahres 1984 mit der Vor­stel­lung, man könne dann Menschen flächen­deckend elek­tro­nisch über­wachen. Aber numehr ist die Zeit gekommen, da man über die Kapa­zitä­ten verfügt, jedes Wort auf ewig zu spei­chern. Zudem kann man diesen Zeta­byte-​Wust in kurzer Zeit ordnen, voll­stän­dig neu durch­forsten und Miß­liebig­keiten sofort ausson­dern. Und was 1984 noch geheim geschah, greift nun scham­los vor aller Augen um sich: Offen­sicht­liche Ver­fahrens­tricks wie mehr­fache Abstim­mung bis zum Wunsch­ergeb­nis, Eil­ver­fah­ren, Sommer­pause und nega­tive Mehr­heit nebst Druck auf Abweich­ler, wenn nicht gar Beste­chung. Die Guten sind so gut, sie müssen sich nicht recht­ferti­gen, an Sitte, Anstand, gar Recht halten.

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Gegendemonstranten
Ohne Gespür und Wissen ist es mitunter nicht leicht, einem zusam­men­gesetz­ten Wort zu ent­nehmen, in welcher Bezie­hung dessen Teile stehen. So ver­sammel­ten sich bisher Gegen­demon­stran­ten, um sich am Rande einer Demon­stra­tion gegen diese zu wenden. In den letzten Tagen aber gefiel man sich darin, bereits ein Gegen­demon­strant zu sein, wenn man nur gegen etwas ist und das auch demon­striert. Mit dem AfD-​Partei­tag am vergan­genen Wochen­ende scheint dieser Wech­sel voll­zogen, jeden­falls in den Hirnen Geistes­kranker.

Und so ist es wunderbar zu sehen, wie eine jetzt allseits bekannte Frau, die besser bei ihren Aktien geblie­ben wäre, mit ihrer Anbie­derung an die von den Staats­medien bevor­zugte Lesart voll auf die Schnauze fiel. Offen­sicht­lich hatte sie nur eine Über­schrift der Bild­zeitung zu Über­griffen von Gegen­demon­stran­ten auf Jour­nali­sten gelesen. Und welcher Couleur müssen die gewesen sein, wenn die Demon­stran­ten doch Anti­faschi­sten waren? Prompt verur­teilte sie die Über­griffe auf Schärf­ste und vermißte eine Distan­zie­rung der AfD, obwohl Alice Weidel sich dazu schon am Vortage deut­lich geäu­ßert hatte.

Über diese Peinlich­keit könnte ich wie ihre Mit­disku­tanten im Bayri­schen Rund­funk hinweg­sehen. Es ist aber ein wunder­bar aus­gear­beite­tes Bei­spiel für die sonst nur hypo­the­tisch in den Raum gestellte Umkeh­rung: Was würde in den Medien losbre­chen, wie­viele Brenn­punkte gäbe es, wenn die AfD mit derart schä­bigen Metho­den vorginge, wie sie unter unseren Demo­kraten sozial aner­kannt sind?

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Ackergaul – Turnierpferd
Heute Neuwahlen der AfD. Draußen laufen ein paar Gewalt­täter herum, unter­stützt durch Teil­nehner einer kosten­freien Kaffee­fahrt. Drinnen Ruhe, aber auch Kontro­verse, nicht gewalt­tätig, sondern demo­kra­tisch: Gegen den alten Schatz­meister Carsten Hütter, der einen lang­wei­ligen Kassen­bericht vortrug und sich selbst als Acker­gaul sieht, tritt der von ihm Turnier­pferd genannte Hannes Gnauk an. Wahl und Stich­wahl erfolg­los, beide knapp unter 50%. Im neu aufge­setzten Wahl­ver­fahren keine Rück­zieher, keine weite­ren Bewer­ber, und das Tur­nier­pferd siegt.

Zwar kennt die AfD, daß man als Erst­pla­zierter die Stich­wahl ver­lieren kann, doch fehl­ten dem Acker­gaul nur wenige Pro­mille aus Enthal­tungen und Gegen­stimmen. Die ent­schie­den sich kaum für das Tur­nier­pferd. Viel­mehr spran­gen im zweiten Wahlgang wohl einige, im drit­ten weitere vom Acker­gaul. Ich kann es nach­voll­ziehen: Nach der frechen Rede des Turnier­pferdes hätte ich das Acker­gaul gewählt, als solches aber späte­stens nach der knapp verlo­renen Stich­wahl zurück­gezogen, auch wenn der Gegner gleichfalls die 50% verfehlte. [1]

So sah ich seine Zeit gekommen. Und es kam, wie es kommen mußte: Auch dieses Acker­gaul war nicht mit dem Gnaden­brot zufrie­den, sondern hielt sich für derart unent­behr­lich, daß es sogar zum Stell­ver­treter des Turnier­pferdes kandi­dierte und deut­lich durch­fiel. Schei­tern statt eines glor­reichen Abgan­ges. So hart, wenn auch frei von körper­licher Gewalt ist das Partei­leben in poli­zeige­schützen Ver­samm­lungen.

[1] Aber nein, Carsten Hütter setzte seinen Niedergang fort:
               Hannes   Carsten  Alexander
               Gnauk    Hütter   Jungbluth Nein    Enth.
1. Wahlgang    46,03%   49,04%             4,33%   0,54%
   Stichwahl   48,38%   48,20%             3,42%   0,54%
2. Wahlgang    50,95%   44,90%             4,23%   0,18%
Stellvertreter          32,95%   65,90%    1,16%   0,57%
Im Gegensatz zur AfD hätte ich es bei einer Nach­komma­stelle bewen­den lassen, da jeder Dele­gierte mit knapp 2‰ zu Buche schlägt.

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Rerouting
Inzwischen nimmt ja die Zahl derer zu, die wissen, was ein Hub ist. Und das nicht nur, weil sie einen auf dem Schrei­tisch haben, um die zahl­reichen Geräte bis hin zum Tassen­wärmer zu steuern. Heut­zutage sind es sogar Switche. Und viele haben auch ein Router genanntes Gerät im Flur stehen, das Gott sei Dank im Gegen­satz zu großen Netz­werken nur wenige Routen bewäl­tigen muß. Fällt dieser Router aus, nimmt ihm keiner die Arbeit ab.

Das ist in großen Netz­werken natür­lich anders. Und dank unserer Bahn und ihres Total­aus­falles wissen wir nun, wie wichtig ein funk­tio­nie­rendes Rerou­ting ist, vor allem dann, wenn eine Kom­po­nente aus­fällt oder gar abge­baut wird, was auch bei schlich­tem Strom­ausfall ein funk­tionie­rendes Netz­werk nur kurz zucken lassen sollte. Dieses Rerou­ting findet dauernd statt, nicht nur, um fah­rende Züge zu ver­folgen, auch um Lang­sam­keiten und Über­la­stung auszu­glei­chen oder ein­fach nur Geld zu sparen. Und mich wundert nicht, daß gerade deshalb bei der Bahn der Tausch nur eines Rou­ters in einer Kata­strophe endete.

Ich nehme einmal an, daß die Abschal­tung eines Routers allein dank eines funk­tio­nie­ren­den Rerou­tings keine Pro­bleme berei­tete, sollte das doch jedes Jahr einmal geste­stet werden, indem man ihn einfach ohne Vorwar­nung aus­schal­tet. Vielmehr wird der neue Router dank einer Super-​Duper-​Soft­ware oder man­geln­der Kon­figu­ration einfach Chaos im Gesamt­system ange­rich­tet haben. Die Fehler­behe­bung ist also ganz einfach: Neuen Router aus­schal­ten, evtl. alten wieder in Betrieb nehmen.

Aber wie kommt man auf auf solche Fehler­ursa­chen? Sehr, sehr oft durch die ehr­liche Beant­wor­tung der Frage: Was wurde in letzter Zeit oder gar soeben geän­dert? So diese Frage über­haupt gestellt wird, halten sich alle bedeckt und das Maul. Also beschäf­tigt man teuere Spe­ziali­sten und Fremd­firmen, um die Ursache zu finden, die sich fast immer als völlig banal, oftmals bekannt heraus­stellt. Ähn­lich den poli­zeibe­kannten Tätern, die sich hinter dem unsicht­baren Ele­fanten ver­stecken.

Warum schreibe ich das? Weil es mir ähnlich wider­fahren ist. Plötz­lich wurden unsere sechs Datex‑P-​Router teil­weise sehr lahm­arschig. Teure Spe­ziali­sten suchten nach dem Fehler, ich schrieb Soft­ware, um die Netz­ausla­stung zu über­wachen. Und was war nach vielen, vielen Tagen das Ergeb­nis? Alle Router wurden mit eine Super-​Duper-​Soft­ware aus­gestat­tet, um sie gleich­mäßig auszu­lasten. Die hatte völlig versagt. Ständig schob der eine die Arbeit auf einen anderen ab.

Und was mußte ich mir nicht sagen lassen, aber selbst vor­werfen? Nicht dafür Sorge getra­gen zu haben, daß ich über alle Arbei­ten infor­miert werde, auch wenn sie von Schreib­tisch­tätern über mir in die Wege gelei­tet wurden. Ich ver­traute darauf, daß sünd­haft teure Mitar­beiter von Fremd­firmen wissen, was sie tun, und ihre Fehler nicht tage­lang von denen einer anderen Firma suchen lassen. Das ist nicht die ver­sehent­liche Abschal­tung mehrerer redun­danter Verbin­dungen gleich­zeitig oder unbeab­sich­tigtes Herunter­fahren eines Rechners, der in zehn Minuten wieder läuft, sondern groß­räumig ange­legte Unfähig­keit.

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Erdbeben
Heute Nacht vier Erdbeben, zwei davon mit kata­stro­phalen Folgen in Vene­zuela. Fried­rich Merz wurde sofort geweckt, hat THW und Bundes­wehr alar­miert, zehn Flug­zeuge mit Such­hunden, Trink­wasser und Zelten sind unter­wegs. Das war ein Spaß, nichts ist pas­siert, wir haben mit dem Russen ja erst in sechs Jahren gerech­net. Sind uns die Bilder aus Vene­zuela Ansporn und Vorbild nun für Deutsch­land, das leich­ter wieder aufzu­bauen denn zu refor­mieren ist?

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