Reproduktion
Bruttoreproduktionsziffer ist mir schon Jahrzehnte als schönes Wort im Kopf. Es ist die mittlere Anzahl der lebend­gebo­renen Mädchen der Frauen im gebär­fähigen Alter. [1] Diese Zahl beschreibt recht gut das Wachstum der Bevöl­kerung ohne Zu- und Abwande­rungen. Warum? Weil es auf die Zahl der zeugungs­fähigen Männer nicht ankommt und man davon ausgehen kann, daß es auch in Zukunft nur unwe­sent­lich mehr Männer als Frauen geben wird. Man kann allein aus der Brutto­repro­duktions­ziffer r recht gut das Wachstum der Bevöl­kerung abschätzen, weil der Zeit­raum einer Ver-r-fachung einiger­maßen konstant sein sollte. Ich kenne ihn nicht genau, gehe aber bei­spiels­weise davon aus, daß die mitt­lere Tochter im Alter von 33 Jahren geboren wird. Dann wächst die Bevöl­kerung in 100 Jahren etwa um den Faktor r hoch 3. Natürlich ist es hoffent­lich umge­kehrt: Aus dem Wachstum der Bevöl­kerung schließt man auf die Brutto­reproduk­tions­ziffer. Sie dient mehr der Anschau­ung als einer detail­lierten Prognose.

Mit dem modernen R0-Faktor, der Basisreproduk­tions­zahl in Zeiten von Corona ist es ähnlich. Auch wenn der Eindruck erweckt wird, Viro­logen oder Medi­ziner kennten den R0-Faktor und seien in der Lage, aus ihm die globale Entwick­lung vorher­zusagen, so kann es eigent­lich nur umge­kehrt sein: Aus der Entwick­lung der Infek­tions­zahlen wird der R0-Faktor errechnet. Aber nicht mit der gleichen Präzi­sion wie in der Demo­grafie, weil nicht genügend genau bekannt ist, nach wieviel Tagen ein Erkrankter R0 andere ansteckt. Aber eines bleibt: Egal, ob es lange dauert oder schnell geht, liegt R0 über 1, so breitet sich das Virus aus, unter­halb von 1 geht es Richtung Ausrot­tung. Auch hier ohne Zu- und Abwan­derung.

Leider schwanken die Zahlen der neu Infi­zier­ten n(t) sehr stark, auch abhängig vom Wochentag. Deshalb berechne ich Wochen­mit­tel w(t) zum Tag t, indem ich die Wochen­summe n(t-3)+...+n(t+3) um t herum durch die der Vor­woche n(t-10)+...+n(t-4) divi­diere. [2] Damit ergibt sich folgen­des Bild:


Entwicklung der wöchentlichen Zuwächse Erkrankter

Auch wenn man nicht weiß, in welchem Abstand andere infiziert werden, kann im darge­stellten Verlauf dennoch grob der R0-Faktor gesehen werden. Er mag sich flacher oder eher extremer entwickeln, doch liegen R0-Faktor und w zumeist auf der glei­chen Seite der 1. Der w-Wert zeigt gleich dem R0-Faktor durch seine Rela­tion zur 1 an, ob das Virus sich aus­breitet oder abschwächt. Und es wird auch so sein, daß die R0-Fak­toren besten­falls auf eine ähn­liche Art und Weise errech­net werden, auch wenn die verkün­deten mehr der Phan­tasie, den Wünschen und Erwar­tungen ent­springen. Eine Diffe­renz zwischen dem Verlauf der w-Werte und dem R0-Faktor ist aber bedeu­tender als die leichte Verzer­rung der Bevöl­kerungs­zahlen im Jahre 2015: Werden von außen Infi­zierte einge­tragen, erhöht sich bei konstan­tem R0-Faktor der w-Wert. Das ist im Bild deut­lich zu sehen.

Am 13. März habe ich eine Prognose der Erkrankten gewagt. Die blauen w-Werte ließen einen schnellen Abstieg unter die 1 erwarten, woraufhin ich von einer recht kurzen Epi­demie mit nur 30.000 In­fi­zier­ten ausging. So ähn­lich wäre es wohl auch gekommen, wenn man die neu­deutsch Contain­ment genannte Verfol­gung von Einzel­fällen weiter durch­gezogen hätte. Das wurde wohl unmög­lich, nachdem Scharen von Urlau­bern ohne Quaran­täne aus den Seuchen­gebieten zurück­kehrten und man vor den Kontakt­beschrän­kungen noch eine Gedenk­woche einlegte. Das zeigen die plötz­lich nach oben schie­ßenden roten w-Werte, die sich anschlie­ßend dank Ansteckungs­angst und Vorsicht trotzdem Rich­tung 1 ent­wickel­ten. Ich mußte meine alte blaue Prognose durch eine neue rote ersetzen. Die Kurve wurde nicht geflatte­nettet, sondern mehr als doppelt so breit und viermal so hoch. Das Maximum verschob sich um zwei Wochen auf Anfang April, und es wurden von mir 300.000 In­fi­zierte erwartet.

Dann kamen die Kontaktbeschränkungen. Mindestens eine Woche zu spät konnten sie nicht mehr alles retten, aber die w-Werte und damit den R0-Faktor letzt­lich beständig unter 1 drücken, lange bevor das Robert-​Koch-​Institut sich zu dieser Wahr­heit durch­ringen konnte. Das behaup­tete noch am letzten Woch­ende einen Wert von 1,3. Bis heute soll er auf 0,6 gefallen sein. [3] Wie kann das sein? Hat sich irgend­etwas abrupt geändert? Egal, es ist wohl den ergrif­fenen Maßnahmen zu verdanken, daß ich nunmehr auf der Basis der schwarzen w-Werte nur noch mit der Hälfte, näm­lich 160.000 Er­krank­ten rechne. Der Höhe­punkt wurde in den ersten April­tagen über­schritten. Schon andert­halb Wochen lang liegen die w-Werte und damit der R0-Faktor unter 1, was auch ohne Rech­nung mit bloßem Auge dem Verlauf der Neuer­kran­kungen zu entnehmen ist.

Das bedeutet nicht, die Einschrän­kungen nun abblasen zu können, denn dann könnte die Entwick­lung deut­lich von einer Normal­vertei­lung abwei­chen und einen auslau­fenden Ratten­schwanz, neu­deutsch long tail ent­wickeln, bei Unacht­samkeit auch einen zweiten Berg. Geht aber alles den bishe­rigen Gang, dann erwarte ich am berühmten 19. April nur noch 800 neu Infi­zierte und 150 Tote. [4] Rechne­risch sind es am Mutter­tag weniger als zehn. [5,6] Doch darauf will ich nicht wetten, da ein paar Subkul­turen bleiben werden, die höhere R0-Fak­toren pflegen und so für einen höheren Boden­satz sorgen. Der aber ist bedeu­tungslos, wie es auch keinen deutschen monogam lebenden Menschen inter­essieren muß, ob es noch Aids-​Kranke gibt.

[1] So ähnlich habe ich es in der allwissenden Müll­halde gelesen, dachte aber immer, die Töchter müßten die Geburt nicht nur überleben, sondern ihrerseits die Wechsel­jahre erreichen. Andern­falls garantiert 1,001 noch kein Wachstum. Außerdem ist Netto auch hier nur ein Teil des Bruttos. Für die Biodeut­schen ist der feine Unterschied zwischen der Brutto­repro­duktions­ziffer und dem wirk­lichen Wachstum irrele­vant, da deren Frauen es nur auf 1,6 Kinder bringen.

[2] Die Zuordnung auf den mittleren Tag der zweiten Woche erscheint mir aus folgendem Grunde sinn­voll: Steckt jeder vom 4. bis zum 10. Tag nach seiner Infek­tion, also in der Folge­woche gleich­verteilt R0 andere an und sinkt diese Zahl wegen ergrif­fener Maß­nahmen von einem Tag zum anderen t von konstant 3 auf konstant 2, so entwickelt sich der w-Wert binnen einer Woche von unge­fähr 3 auf unge­fähr 2 und erreicht am Tage t+4, also in der Wochen­mitte einen Wert in der Nähe von 2,5.

[3] 16.04.2020: Zwischenzeitlich behauptet das Robert-​Koch-​Institut, der R0-Faktor sei schon am 20. März unter 1 gesunken. Haben sich die Berech­nungen oder nur die Propa­ganda­ziele geändert?

[4] 20.04.2020: Es wurden nur 110 Tote gemeldet. Realistisch sind viel­leicht 180. Auch neu Infi­zierte gab es dreimal soviele, nämlich gemel­dete 1775 und reali­stische 2500. Das liegt gewiß an meiner zu engen Ausgleichs­kurve, aber wohl auch an nach­lassender Diszi­plin und einigen kleinen, aber sehr an­stecken­den Bevöl­kerungs­gruppen, die bei sinken­den Zahlen zuneh­mend ins Gewicht fallen. Die ungleich­mäßige Vertei­lung des R-Faktors ist eine Gefahr, weshalb eine Epi­demie durchaus wieder auf­leben kann, wenn er im Mittel unter 1 liegt.

[5] 24.04.2020: Dieses Ziel haben wir verspielt, seit in den letzten Tagen der R-Faktor im Einklang mit meiner w-Zahl beständig ansteigt. Meine letzte Fort­schrei­bung der Infizierten ließ eine Gesamt­zahl von 160.000 erwarten. Es werden wohl mehr werden, weil sich ein von einer Normal­vertei­lung abwei­chender Ratten­schwanz ent­wickelt, den ich darauf zurück­führe, daß ein kleiner Teil der Bevöl­kerung sich nicht an die Regeln hält. Haben sie einen R-Faktor über 1, werden sie vorzugs­weise sich selbst und dann alle durch­seuchen. Ein Durch­schnitts­wert von derzeit immer noch R=0,9 wird das nicht verhin­dern. Der normale Mensch kann Masken tragen und Abstand halten. Es nützt aber wenig, solange nicht gleich­zeitig die Haupt­verbrei­tungs­wege radikal unter­bunden werden: Zuviele Leute in engen Räumen, Zusammen­rottungen, gemein­sames Saufen und Sabbern. Bestärkt wurde ich in dieser meiner Auffas­sung durch Cem Özdemir, der keinen in seiner Familie ange­steckt hat.

[6] 29.04.2020: Ich wollte noch ein paar Tage mit der Fort­schrei­bung meines Bildes warten. Doch in den letzten Tagen ist mir zuviel mit einem von unten gegen 1 stre­benden R-Faktor die Rede. Das ist nicht wahr, der R-Faktor fällt wieder. Eine zweite Welle droht zur Zeit also nicht. Es bleibt aber ein dauer­hafter Schaden der Oster­tage. Mit Diszi­plin hätten wir auf der schwarzen gestri­chelten Linie bleiben und mit 160.000 Infi­zierten aus der Krise gehen können. Das werden wir nicht mehr schaffen, selbst wenn der R-Faktor sofort auf 0 fiele. Und bei dieser Gelegen­heit ein erneuter Blick auf Teilver­läufe: Die sinkenden blauen Werte entspre­chen der wach­senden Vorsicht in der Anfangs­zeit, der rote Berg entstand durch den Eintrag rück­keh­render Urlauber. Nach dem 23. März fielen die Werte ein paar Tage lang ab und ließen einen blei­benden Vorteil erwarten, der aller­dings zu Ostern verspielt wurde. Die in der Folge­woche angestie­genen Werte liegen nun dauerhaft zu hoch, um auf ein schnelles Ende hoffen zu können. Wenn Kinder deshalb vier Wochen länger zu Hause bleiben müssen, sollten sie sich mit den dank der Nach­lässig­keit ihrer Eltern in freier Natur oder bei Verwandten gefun­denen Eier trösten.

[7] 12.05.2020: Ich habe das Bild erneuert, weil nunmehr deutlich zu sehen ist, daß der R-Wert nach dem 1. Mai ebenso dramatisch ansteigt wie nach Ostern. Allerdings sehe ich den R-Faktor immer noch deutlich unter 1. Im Gegensatz zum Robert-​Koch-​Institut, das nach merkwürdig schnell schwan­kenden Werten nunmehr verkündet, in Zukunft den R-Wert glätten zu wollen. Das ist nicht ganz korrekt und beschö­nigend ausge­drückt, denn der R-Wert ist viel, viel glatter. Geglät­tet werden allen­falls die berech­neten oder gar geschätzen Werte. Und wenn die beim Robert-​Koch-​Institut durch Division von Vier­tages­blöcken entstehen, dann ist natür­lich Schwach­sinn zu erwarten. Ich benutze wenigsten Sieben­tages­blöcke, um besser zu glätten und vor allem die Wochen­gängig­keit weit­gehend auszu­gleichen. Mein heutiger Wochen­wert, den ich dem 8. Mai zuordne, ist w=6648:7523=0,88. Das entspricht R=w^(4/7)=0,93.

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