Notbremse
Wer kennt sie nicht, die mit Gesichts­erkennung und Über­wachung drohenden Kameras, die keine sind oder deren unscharfe Bilder weder ange­sehen noch aufge­zeichnet werden. Mit den Not­bremsen im Zug ist es besser. Zieht man sie, führt das wenig­stens zu einer Diskus­sion zwischen Zug- und Lok­führer, ob man erst aus dem Tunnel raus­fährt. Der Zug hält aber in abseh­barer Zeit, wenn nicht sofort eine Fehl­betäti­gung fest­gestellt wird. Auf keinen Fall wird nur der auslö­sende Wagen abge­kuppelt oder gar die verur­sachende Person auf offener Strecke ausge­setzt.

Mit den Corona-Notbremsen ist es jedoch so ähnlich. Eigent­lich hoffte man erneut, sie nie betä­tigen zu müssen. Vorsichts­halber hatte man auch nie geplant, den gesamten Zug zu stoppen, sondern über­trug die Verant­wor­tung den 16 Schaff­nern, die anders als in einem wirk­lichen Zug ihren Wagen weit­gehend unab­hängig abbremsen könnten, wenn ein Dreh­gestell zuneh­mend unan­genehme Geräusche macht. Es war aber vorher­zusehen, und tatsäch­lich beließen sie es dabei, den Fahr­gästen freizu­stellen, ob sie die Gefahr aussitzen, im Gang stehen oder lieber aus dem Fenster springen möchten.

Heute hat der deutsche Natio­nalzug die Höchst­geschwin­digkeit von 100 Mei­len pro Stunde über­schrit­ten. [1] Die laute­sten Laufge­räusche machen die Kurs­wagen nach Thürin­gen, Sachsen und Sachsen-​Anhalt aus alter DDR-​Produktion, die wohl auch an die Nachbar­länder Hessen, Bayern und Niedersachsen bis nach Hamburg verkauft wurden. Immerhin hat man alle Fahrgäste gebeten, Plätze oberhalb der Dreh­gestelle zu meiden, denn sie sind die Hotspots, aus denen wie seiner­zeit in Eschede jeder­zeit stäh­lerne Rad­reifen durch Sitze schießen könnten. [2]

Nun aber im Ernst: Die Entwick­lung der Corona-​Epidemie ist in Deutsch­land seit geraumer Zeit sehr bestän­dig und vorher­sehbar. Man hätte also schon vor Tagen die Hand an die Not­bremse legen sollen, um sie heute um 0 Uhr mit sofor­tiger Wirkung für das gesamte Land zu ziehen, hat es aber voraus­schauend den Landes­fürsten überlassen, die sofort die Verant­wortung auf ihre Land­kreise runter­brachen, in denen man immer noch dem alten Aber­glauben anhängt, man sei schuldlos von tragi­schen Einzel­fällen betrof­fen, die durch „Contain­ment“ und Achtsam­keit in den Griff zu bekommen seien.

Aber warum schimpfe ich auf Politiker und beklage ihr durch­sich­tiges Ver­halten? So schlecht sind sie nicht. Natür­lich wollen sie wieder­gewählt werden. Natürlich müssen sie auf die sog. Wirt­schaft Rück­sicht nehmen. Wenn sie wollten, können sie frei, überlegen, auch mit drako­nischen Maß­nahmen rea­gieren. Nur wollen es die Men­schen nicht und würden es vor der näch­sten Urne stehend auch nicht hono­rieren. Eher lassen sie sich in eine eigene ein­füllen. Die Menschen sind wie sie sind: Sie leisten sich Ethik­räte und finden sich mit einer Sterberate von einem Promille problemlos ab, vor allem Impf­gegner, die mit hoher Sicherheit im Laufe ihres Lebens infiziert werden. [3]

Soeben spricht Angela Merkel in einer Sonder­sendung. Sie will die Notbremse in Bund und Ländern ziehen, wenn die Sieben­tage­inzidenz drei Tage über 100 liegt. Auch sie glaubt dem RKI, es sei heute noch nicht der Fall. Und ich frage mich, was denn die Notbremse in Bayern, Hamburg, Hessen, Sachsen-​Anhalt, Sachsen und vor allem Thürin­gen (heute 195, vor einer Woche 156 und R=1,16) in den letzten Wochen bewirkt hat.

Zudem versprach die Kanz­lerin, deut­sche Gründ­lich­keit durch deut­sche Flexi­bilität zu ergänzen. Doch nur wenige Minuten später, und schon werden in der nach­folgen­den Bericht­erstat­tung alle Detail­fürze proble­mati­siert. Warum darf eigent­lich über­haupt geimpft werden, obwohl die Bevöl­kerung die Impfge­rechtig­keit noch nicht voll ausdis­kutiert hat?

Eben höre ich, in Ham­burg sei die Not­bremse gezogen worden, wenn eine teil­weise Rück­kehr zu den laschen Maß­nahmen vom Jahres­beginn so genannt werden darf. Und Herr Ramelow erzählt nun viel über inter­galak­tische Pro­bleme und Impf­stoff-​Mengen. Statt zuzugeben, daß seine reni­tente Bevöl­kerung fort­setzt, was in Sachsen begann, faselt er von Tsche­chien und Muta­tionen. Na und: Sie mögen von dort gekommen sein, verbreitet haben sie aber die Zonis selbst.

Nun sind drei Wochen vergangen, und Angela Merkel scheint in Erwägung zu ziehen, was ich schon lange erwartet hätte, nämlich ein Gesetz, das bei Über­schrei­tung defi­nierter Werte verbind­lich zu ergrei­fende Maß­nahmen fest­legt. Das zügig auch durch den Bundes­rat zu bringen, muß sie kurz vor dem Ende ihrer Kanzler­schaft kein Mittel scheuen. Es geht nicht mehr darum, reni­tenten Minder­heiten und dem Zeit­geist zu gefallen, sondern um eine Würdi­gung in den Geschichts­büchern. Mit Glück bringt es die Union auch aus ihrem Umfrage­tief.

[1] Heute 2.629.750, letzte Woche 2.545.781. Bei einer Differenz von 83.969 muß ich nicht lange rechnen: Das sind ein Promille der Gesam­tbevöl­kerung. Und seit fast einem Jahr kann man wissen: Ein Pro­mille sind 100 pcm, also 100 auf 100.000. Die 96 des RKI beruhen nicht auf einer alle Ille­galen und Besucher berück­sichti­genden Per­sonen­zahl auf deut­schem Boden. Viel­mehr liegen ihnen ver­pfuschte 79.476 In­fi­zierte zugrunde.

[2] Auch damals ließ man den Zug mit Abweichungen bis zum Doppelten der Grenz­werte auf die Strecke. Wem will man das vo­rwerfen? Nicht nur aus wirt­schaft­lichem Inter­esse warten wir gerne auf singu­läre medial aufberei­tete Kata­strophen.

[3] Vielleicht auf Corona-​Partys, wo man seine Kinder infi­ziert, solange sie noch eine sehr hohe Über­lebens­chance haben. Schließ­lich habe ich auch Masern und Wind­pocken über­standen.

100 | Disziplinlosigkeit | Virologenschnack | Prognose | Lebenswert | Ethikraten | Herdenimmunität | Unredlichkeit | Tote | Nationalstaaten | Corona | Rattenschwanz | Förderalismus | Unterleben | Reproduktion | Siebentage-R | Zweite Welle

... link (0 Kommentare)   ... comment