Buß- und Bettag
Weil die Sachsen im Pisa-Test so gut abschnit­ten, dür­fen heute auch die Eltern zu Hause blei­ben [1] und den Buß- und Bet­tag fei­ern, den die übrige deut­sche Chri­sten­heit sich hat strei­chen las­sen, um die Pflege­ver­siche­rung zu unter­stüt­zen. So kann der not­lei­dende Zulie­fe­rer für den Bau offen­sicht­lich ver­zicht­ba­rer Neu­wa­gen seine Arbei­ter heute in den Urlaub oder die Gleit­zeit zwin­gen, nicht aber in die Kirche.

In ihrer grenzen­losen Güte ging die katho­li­sche Kirche mit der Strei­chung des Buß- und Bet­ta­ges dazu über, öku­meni­sche Gottes­dienste anzu­bie­ten. Das ge­schah auch am Refor­ma­tions­tag, als die Pro­testan­ten nicht mehr genug Leute in die Kirche beka­men. Doch ein wahr­haft großes Herz hätte eher so ab­struse katho­li­sche Zusatz­feier­tage wie Hei­lige Drei Könige, Fron­leich­nam oder Aller­heili­gen geop­fert.

Letzteres breitet sich in einer heid­ni­schen Vari­ante mit Kür­bis­sen nicht nur am Vor­abend aus. Die all­gemei­ne Wieder­bele­bung des Refor­ma­tions­tages wird des­halb ein from­mer Wunsch bleiben. Und in hun­dert Jah­ren lau­ten unsere Haupt­feier­tage: Hallo­ween, Valen­tins­tag, Rosen­montag, Fast­nacht und Welt-​Aids-​Tag.

[1] In Bayern nur Schüler. Im unge­bil­deten Nor­den ist auch heute für alle Pau­ken und Arbei­ten ange­sagt.

Reformationstag | Fronleichnam | Karfreitag

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Lug und Trug
Schon nach wenigen Minuten der noch laufenden Sendung „Uri Geller live ‒ Ufos & Aliens: Das unglaub­liche TV-Expe­riment“ habe ich soviel Schwach­sinn gehört, daß ich ein ganzes Jahr darüber bloggen und mich aufregen könnte. Schon zu Beginn wurde eine Figur verwendet, die ich nicht rheto­risch, sondern unred­lich nennen möchte:

Erst wird eine abstruse, zumindest aber spekulative Behaup­tung A aufge­stellt, dann wird über eine schwächere Aussage A′ schwa­droniert und Zustim­mung erheischt, um die dann als eine zu A auszu­geben. Wenn dies einer bemerkt und den ganzen Vorgang nicht in die Tonne haut, sondern auf diesen Trick, auf den über­sehenen Strich aufmerksam macht, dann ist er ein Ungläu­biger, ein Igno­rant, ein Posi­tivist.

In der Sendung steht A für „uns haben Außer­irdische besucht“ und A′ für „es gibt außer­irdisches Leben“. Immer und immer wieder sagen Leute, daß sie an die Existenz von Außer­irdischen glauben, und regel­mäßig macht vor allem Uri Geller daraus einen Beleg für die Existenz von Ufos und Aliens auf der Erde.

Ungläubige zu diffamieren, hat man im Fern­sehen natürlich nicht nötig, schließ­lich bestimmt man umfas­send selbst, was gesendet wird und was nicht. Lieber inte­griert man einen mode­raten Skep­tiker und befragt tele­fonsich die Bevöl­kerung: „Was meinen Sie: Gibt es außer­irdisches Leben?“ Vor der Sendung waren es 16 Pro­zent [1]. Heute abend würden mich 60 nicht wundern.

Auch vor anderen Versatzstücken schrecken Uri Geller und die Effekt­hascher des Fern­sehens bekannt­lich nicht zurück. Mehr dazu in den Kommentaren.

[1] 16 Prozent der Deutschen glauben an Außerir­dische: … News aktuell, 29.10.2008

Fernsehen | Next Uri Geller | Cosmic Connection

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Sudoku, Teil 5
Nach fast einem Jahr Pause habe ich mir wieder ein Sudoku-​Heft mit 67 Rät­seln der Stufen 6 bis 7 gekauft: [1]. Zwar gibt es Sudoku allent­halben umsonst, doch lohnen sich 5 Cent für ein Rätsel, wenn es groß genug ist und ordent­lich aus­sieht. Das erleich­tert die Arbeit und hebt das Ver­gnügen. Ich habe das ganze Heft durch­gear­beitet und mein Schei­tern oder meine Lösung im Ver­gleich mit einem Pro­gramm [2] aufge­schrieben. Damit will ich die Mensch­heit ver­schonen, nicht aber mit einer Zusammen­fassung.

Die ersten 16 Sudoku des Heftes sind der Stufe 6, die letzten 20 der Stufe 7 zuge­ordnet. Die mittle­ren 31 sind mit 6–7 bezeich­net. Gemäß meines Erfolges habe ich jedem Rätsel einen persön­lichen Schwie­rigkeit­grad zuge­ordnet: [3]

0. ohne Notizen und ohne Mühe gelöst
1. ohne Notizen gelöst, Paare genutzt
2. ohne Notizen gelöst, Zweier genutzt
3. ohne Notizen gelöst, Fälle unterschieden
4. versteckte Zweier notiert und gelöst
5. mit notierten Fällen gelöst
6. ohne Notizen gescheitert, Irrtum
7. versteckte Zweier ohne Erfolg notiert
8. Fälle ohne Erfolg notiert
9. sehr viele Notizen ohne Erfolg

Zur Kontrolle und Einord­nung meiner Lei­stung habe ich alle Sudoku durch ein Lösungs­pro­gramm [2] laufen lassen. Gemäß den bemühten Tech­niken, habe ich eine weitere Einord­nung vorge­nommen:

0. versteckte Einer allein reichen aus [4]
1. nackte und versteckte Einer reichen
2. Einer, nackte Paare und Tripel reichen
3. zusätzlich versteckte Paare genutzt
4. auch versteckte Tripel betrachtet
5. Zweier genutzt (pointing pairs)
6. einfache Färbung führte ins Ziel
7. es mußte zu Y-Wings gegriffen werden
8. Eindeutigkeit von Rechtecken genutzt
9. es wurde eine XY-Kette bemüht

Das Ergebnis ist recht einfach: Die ersten 37 Rätsel sind allein mit nackten und ver­steckten Einern zu bewäl­tigen und wurden bis auf einzelne Aussetzer von mir ohne Notizen gelöst. Danach wird es zuneh­mend anstren­gender. Sowohl der Computer als auch ich müssen im Mittel alle fünf Rätsel in unserer Tabelle einen Schritt weiter gehen.

Schwierigkeitssteigerung von "Su-Doku Extreme"

Bewertung der Rätsel 34 bis 67: Violett meine, blau gemäß [2] (jpg)

Das studierte Heft mit seinen 67 Rätseln stuft sich selbst mit 6,5 ein und deckt andert­halb dieser Stufen ab. Des­halb ordne ich den Rätseln um die Nummer 12 herum die Stufe 6 zu, und denen um die Nummer 56 die Stufe 7. Die nach­ste­hende Tabelle zeigt in Blöcken zu elf Rätseln (viertel Stufe) gerun­dete und inter­polierte Bewer­tungen an. Zunächst die Stufe des Sudoku-​Heftes [1], dann meine Ein­stu­fung gemäß der ersten vor­ste­henden Tabelle, gefolgt von der auf Basis eines Lösungs­pro­gram­mes (scanraid [2]) und das Ergeb­nis eines Bewer­tungs­pro­gram­mes (suexrate [5]).
Nr    Stufe    wuerg scanraid suexrate
01     5,75     0,0     0,8      59
12     6,00     0,2     0,9      59
23     6,25     0,5     1,0      59
34     6,50     1,5     1,2      59
45     6,75     3,0     2,0      95
56     7,00     5,0     4,5     100
67     7,25     7,0     7,5     105
Bis zur Stufe 6,5 hatte ich keine Schwierig­keiten, doch eine Stufe höher erreichte ich meine Lei­stungs­grenze. Scan­raid muß erst etwas später zu fort­geschrit­tenen Methoden über Einer, Paare und Tripel hinaus greifen. Das Programm suexrate bewertet bis 6,5 die Rätsel mit 59 Punkten, weil Einer reichen und 81−59=22 Ziffern bereits vorge­geben sind. Danach wird zwar höher bewertet, die allmäh­liche Steige­rung der Schwie­rig­keit wird aber kaum erkannt.

[1] Su-Doku Extreme. , Editions Megastar, Heft 9/2008.

[2] Andrew Stuart: Sodoku-Solver.

[3] Ich wollte eine Liste mit <ol start=0> schreiben. Und was ist pas­siert? Mir wird start=0 ent­fernt, also stur bei 1 statt 0 mit der Aufzäh­lung begon­nen.

[4] Da [2] in erster Linie nackte Einer findet, habe ich zuvor ein eigenes Programm laufen lassen, das alle mögli­chen ver­steck­ten Einer ermit­telt.

[5] Das Programm suexrate.exe scheint es nur noch in alten DOS-​Archi­ven zu geben. Ich habe noch den Quell­code. Es zählt wohl die Schritte, die nötig sind, um ein aus dem Sudoku abge­leite­tes Waren­korb­problem zu lösen.

[6] Günter Stertenbrink: SUDOKU. 21.11.2005. Ein Über­blick dama­liger Web­seiten zu Sudo­kus, ihre Lösung und Bewer­tung.

Anfang | Einer | Paare | Raster

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Viererbande
Unter Linken ist es nicht nur üblich zu disku­tieren, zu streiten und sich zu spalten, sondern auch den politi­schen Gegner gemeinsam zu bekämpfen. Daran haben sich die vier hessi­schen Rene­gaten Jürgen Walter, Carmen Everts, Silke Tesch und Dagmar Metzger nicht gehalten. Sie haben Grüne, Hell- und Dunkel­rote für nichts wochen­lang hart arbeiten lassen. Unterlegen zu sein, keine Posten abzu­stauben oder neben der Mauer zu leben, haben nichts mit einem Gewissen zu tun, das für bürger­liche Heuchler so und so nur ein Synonym für Motive und Inter­essen ist.

Da viele sich eine deratige Dreistig­keit und Gemein­heit ohne starke Gründe, Inter­essen, Intrigen oder Verschwö­rungen nicht vorstellen können, ließ die Vermutung nicht lange auf sich warten, die Bundes­spitze der SPD hätte ihre Finger im Spiel. Deshalb werde ich mir die vier Namen merken und beob­achten, ob ihre Partei­karriere beendet ist oder doch noch in Schwung kommt. Dann oder falls Andrea Nahles Vorsit­zende wird, trete ich nach über vierzig Jahren doch noch aus.

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Regeln, Regeln, Regeln, Regeln
In der auch das normale Leben prägenden modernen Welt des Internets, der Promi­nenten und des Finanz­marktes ohne Moral, in der alles darf und nichts muß, in der Schein und Sein ver­schwimmen, in der vor allem der Erfolg zählt, sind Regeln eine lästige Ange­legen­heit. Man bräche sogar die Natur­gesetze, wäre dies von Erfolg gekrönt. Lug, Trug und Dieb­stahl sind erlaubt. Auch Ehrlich­keit, Loya­lität und Großmut sind sinn­voll, wenn sie ins Ziel führen. Dieses Ziel umfaßt nicht nur Geld und Macht, sondern auch Aner­kennung und Wohl­befinden.

Der unerschütter­liche Glaube dieser modernen Nihi­listen, daß persön­liche Vorteils­nahme zwar einem anderen schaden kann, der für sein Mißge­schick selber verant­wort­lich ist, im Großen und Ganzen aber das System und die allge­meine Wohl­fahrt mehr beför­dert als Ver­zicht, Solida­rität oder Gesetzes­treue, hat in den letzten Wochen einen Dämpfer erhalten. Viel­leicht ein zu kleiner nur auf den Finanz­markt und die Wirt­schaft beschränk­ter, der den allge­meinen Hedo­nismus nur ankratzt.

„Jetzt hat sich aber gezeigt, daß es immer noch eine Gruppe gibt von Akteuren, die exter­nali­sieren wie Kon­quista­doren des 18. und 19. Jahr­hun­derts. Die werden im Augen­blick durch diese Krise einge­fangen oder zurück­gepfif­fen. Deswegen hört man ja auch nur ein Wort, ich glaube es ist auch das Wort, das am häufig­sten festge­stellt werden wird, wenn man eines Tages eine Sprach­stati­stik unseres großen Crashs erstellen wird. Das ist das Wort Regeln. Regeln, Regeln, Regeln, Regeln. Ich glaube, man hat seit dem Beginn der Schöp­fung dieses Wort noch nie so häufig gebraucht wie in diesen Tagen, nicht einmal in einem Wittgen­stein-​Seminar hat man das Wort Regel so häufig und so empha­tisch benutzt wie jetzt, und selt­samer­weise mit einer so posi­tiven Beto­nung.“ [1]

Das sagt Peter Sloterdijk im Gespräch mit Frank A. Meyer und über­treibt gewiß erneut, denn die Geschichte wird unsere derzei­tige Finanz­krise nur als eine in einer langen Reihe sehen und mög­licher­weise andere Wörter als wich­tiger erachten. Trotzdem wird es wieder zu stren­geren Regeln kommen, möglicher­weise zu staatlich verord­neten oder aus einer Gegen­bewegung der nach wie vor mora­lisch orien­tierten Mehrheit heraus. Dann wird sich macher wünschen, Seines­geichen hätten sich recht­zeitig wenig­stens an die Grund­regeln des Anstandes gehalten.

Es bedarf immer mehrerer Einbrüche, um die Grund­lagen­fehler zu sehen und keinen Unfall anzu­nehmen. Jetzt ist klar geworden, daß die Profit­maxi­mierung unabhän­giger Egoisten eben nicht das haushoch über­legene System darstellt. Daß einige sich unmäßig an vielen berei­chern, ist darin durchaus vorge­sehen. Doch die Betro­genen finden sich damit nicht ab. Sie springen nicht einzeln vom Dach oder strampeln sich erneut nach oben. Sie schlagen als Gruppe zurück, als Zivil­gesell­schaft, die es in Europa noch immer gibt.

Aber auch unabhängig von der Wehr­haftig­keit der Betro­genen und Ver­lierer weist das Finanz­system des neoli­beralen Kapita­lismus minde­stens eine Struktur­schwäche auf. Es entspricht nicht einem Milli­onen-​Personen-​Spiel, in dem ich die zahl­reichen Gegner wie stati­stische Größen kalku­lieren kann. Plötz­lich verhalten sie sich anders als berechnet, möglicher­weise chao­tisch und im schlimmvsten Falle aus einem vielleicht verbor­genen Grunde uniform. Zum Beispiel dann, wenn viele das gleiche Programm zum automa­tischen Aktien­handel benutzen oder wenn wie bei der VW‑Aktie viele auf die gleiche Schnaps­idee kommen.

Peter Sloterdijk: Vis a Vis, Schweizer Fernsehen, 12.10.2008, Minute 6.

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Mathematisierende Spinner
Als ich letzten Montag noch einmal alle vierzig Fernseh­sender durchging, sah ich Peter Sloter­dijk im Gespräch mit Frank A. Meyer. Es war eine Wiederholung der Sendung „Vis a Vis“ des Schweizer Fern­sehens vom 12. Okto­ber. Man mag über Peter Sloter­dijk geteilter oder gespal­tener Meinung sein, wie auch über diese seine Ein­schät­zung&nbsp:[1]:

„[…] daß wir seit 200 Jahren eine Wirt­schafts­wissen­schaft haben, die keine Wissen­schaft ist, […] die ihre Unwissen­schaft­lich­keit hinter einem riesigen Aufwand an Mathematik verbirgt. Das kann man übrigens in allen Wissen­schaften sehen: Je unwissen­schaft­licher sie sind, desto mathe­mati­scher werden sie. Auch die posi­tivi­stische Psycho­logie unserer Tage, die den Menschen eigent­lich über­haupt nicht mehr kennt, arbeitet auch sehr gern mit mathema­tischen Modellen. Die Wirt­schafts­wissen­schaft im letzten halben Jahr­hundert ist ja ein reines Spiel­feld für mathema­tisie­rende Spinner geworden.“

Dem kann ich nur zustimmen. In der Wirt­schafts­wissen­schaft wird wirklich viel herumge­rechnet und gleich­zeitig auf die Mathe­matik als einer Hilfs­wissen­schaft herabge­blickt. Es ist nicht alles so trivial wie das Oligopol-​Modell, mit dem ein Student der Mathe­matik zwei Semester Betriebs­wirt­schaft bewäl­tigen kann, oder so beliebig wie die Chart­analyse, für die durchaus mathe­matische Kennt­nisse erforder­lich sind, wie die Astro­logie nicht ohne astrono­mische auskommt. Doch letztlich sind alle mathe­mati­schen Methoden kraftlos, wenn sie auf ein falsches Modell der Wirk­lichkeit ange­setzt werden.

[1] Peter Sloterdijk: Vis a Vis, Schweizer Fernsehen, 12.10.2008, Minute 42.

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Sechslinge
Heute lese ich: „Die Wahrschein­lichkeit, dass Sechs­linge geboren werden, wird auf 1 zu 4,4 bis 4,7 Mil­liar­den geschätzt.“ [1] Das ist doch angesichts dieser geringen Wahr­schein­lich­keit eine sehr genaue Angabe, die mich alle dreißig Jahre eine Sechs­lings­geburt auf der ganzen Welt erwarten läßt. Warum gab es dann „lediglich fünf solche Geburten“ [1] allein in Deutsch­land in den achtziger Jahren?

[1] Die ersten Sechslinge seit 20 Jahren. FR, 21.10.2008.

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