Männertag
Da bin ich nun ein monopolarer cis-Mann und habe noch nie etwas von einem Männer­tag gehört, der heute gefeiert wird. Gewiß sind mir Diskrimi­nierungen aufgrund meines Geschlech­tes bekannt, doch habe ich bis heute keinen Gefallen an der Opfer­rolle gefunden und inter­nati­onale Solida­rität einge­fordert. Und ich war wegen meiner nächt­lichen Toiletten­gänge auch noch nicht beim Arzt, gleich­wohl Prostata-​Vorsorge ein Haupt­anliegen der Männer­gruppen zu sein scheint. In Lustig­keit stehen sie den Frauen um nichts nach.

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muß i denn
Wenn i komm zum Blei­stift so: i bims ok, vong naus her:D

[1] Meike Winnemuth: Was sollen diese Sprachspiele? SZ-Magazin 17/2011. „Witzel­sucht ist eine tatsäch­lich existie­rende Krank­heit […] Simula­tion von Witzig­keit […] Sparwitze“.

[2] Kentucky schreit ficken. Youtube. Aus der Unter­haltungs­sendung „RTL Samstag Nacht“.

[3] Muß i denn, muß i denn zum Städtele 'naus. Völkstüm­liche Weise aus Schwaben.

[4] Jürgen von Manger als Adolf Tegtmeier: „et fängt am Regen“

[5] Mein Ikea-Dusch­vorhang Rolf nennt LOL zur Lang­form :-D.

[6] Demnächst halten wir Dekam und Deka­mat für poli­tisch korrekt.

[7] 200 Jahre Sprach­verhun­zung: Alles klar, oll kor­rect, ok, oki­doki.

[8] Glücklicher­weise nie gehört: Spricht man eibims oder ibims?

[9] Geht auch Bumsen­brenner oder „i bims, d1 muddar“ ohne Komma?

Bibel 2.0 | 1tr8 Frankfurt | Einzeiler

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höher scheißen
Ich erinnere mich gerne an den Donner­balken meiner Paten­tante. Sie wohnte im ersten Stock. Das kleine Geschäft plät­scherte in der Tiefe, das große benö­tigte nach dem Seilriß ein paar Sekunden und bedankte sich mit dem ver­trauten Geräusch eines in den Brunnen gewor­fenen Steines. Papier in der Jauche war natür­lich nicht gern gesehen, denn der Rha­barber sollte nicht einge­packt, sondern nur gedüngt werden. Benutzte man es den­noch, hielt es sich in Grenzen, denn das zerklei­nerte Zeitungs­papier war nicht gerade eine Rosetten­freude.

Doch die Evolution schreitet bestän­dig voran. Wir lassen die Scheiße nicht mehr auf allen Vieren hinter uns fallen, hocken nicht mehr im Wald neben einem Baum, scheißen nicht durch ein Gitter­rost und auch nicht wie ein Affe auf dem Schleif­stein durch ein kleines Loch in einen Sammel­behälter, sondern sitzen gemütlich mit dem Handy und der neuesten Taz-​Ausgabe auf dem Hoch­sitz. Danach wischen wir uns mit Papier in der geschick­teren rechten Hand den Arsch ab und spülen es mit dem Abge­seil­ten in die Kanali­sation. Wem das zu unhygie­nisch ist, der wäscht sich hinterher die Hände mit Wasser, das man sogar trinken kann. Gegessen wird mit Messer und Gabel.

Mit unserem Wasser kann man auch vor dem Geschäft die Brille reinigen, vor allem wenn zuvor einer darauf hockte, weil er noch nicht einmal wußte, daß man sie hoch­klappen kann, oder als typi­scher Steh­pinkler zu faul war und die eigene Strahl­genauig­keit über­schätzte. Abseits kosten­loser öffent­licher Toiletten ist in Deutsch­land eine Reini­gung nur aus psycho­logi­schen Gründen erforder­lich, denn Bakterien mögen keine Klo­brillen, eher schon die Wasser­hähne oder Türgriffe. [1] Und sollte einmal das Papier zu dünn sein, so ist es doch nur die eigene Scheiße am Finger, die keine neuen Krank­heiten einträgt. Wer um seine Gesund­heit besorgt ist, sollte sich lieber einen Flach­spüler zulegen, um das Ergebnis begut­achten zu können.

Vom Training der Bein­muskeln und der darm­freund­lichen Position abge­sehen kann ich dem Hockklo nichts abge­winnen. Das mag meinen Erinne­rungen an fran­zösi­sche Camping­plätze geschul­det sein. Nicht umsonst ist in Frank­reich auch die Arsch­bade­wanne ver­breitet. Das ist alles ganz gut und schön, wenn man es zu ihr unfall­frei schafft, denn aus weniger geschäfts­freund­lichen Gründen hat uns die Evolu­tion Hosen beschert, die voll­ständig auszu­ziehen nicht über­mäßig prak­tisch ist. So bin ich dankbar für die Bebril­lung, die meine Hose vor Quer­schlä­gern schützt und einem alten Mann die Angst nimmt, sich von hinten an die Hose zu pinkeln. Und sollten auch die Beine schwach werden, bezahlt die Kranken­kasse einen Hoch­sitz.

So geschützt gemüt­lich auf der sauberen Brille sitzend habe ich auf öffent­lichen Toilet­ten eigent­lich nur eine Angst, nämlich daß die herunter­gelas­sene Hose den Boden berührt, auf dem die Steh­pinkler ihre Visiten­karte hinter­lassen haben. Auf franzö­sischen Camping­plätzen hatte ich den Eindruck, dies sei flächen­deckend der Fall. Und ange­nehm ist mir aus ähn­lichem Grunde auch ein noch vorhan­dener Haken, an dem ich meine Jacke und viel­leicht sogar eine Tasche auf­hängen kann.

Wenn das Hockklo zu einer muslimen Kultur­einrich­tung stili­siert wird, dann nur im Kon­trast zu uns oder in senti­men­taler Erin­nerung an die Heimat. [2] Es mag zwar einige Zeit dauern, bis ein Chinese nicht mehr auf die Brille steigt, doch Syrer lernen schneller. In deut­schen Asyl­unter­künften haben sie manchmal die freie Wahl. Und die fällt ein­deutig aus. [3] Meinet­wegen kann jede öffent­liche Ein­rich­tung ein Plumps­klo anbieten, auch wenn in unseren Breiten Anschaf­fung und Betrieb teurer sind und damit zwei üblicher­weise genannte Vorteile ent­fallen. Solange das Gebäude dazu nicht voll­ständig ortho­gonal zur Rich­tung gen Mekka gedreht werden muß. [4]

[1] Hengameh Yaghoobifarah: Deutsche, schafft Euch ab! Taz, 22.10.2017. Riesen­link in roter Schrift: „Lieber Brems­spuren in der Unter­hose und ein erhöhtes Risiko für Geschlechts­krank­heiten vertei­digen als ein islami­sches Klo im Kölner Bürger­haus zulassen.“

[2] Hengameh Yaghoobifarah: Kampf der Kackkul­turen. Taz, 10.08.2017. „Denn von Muslim­_innen lernen heißt auch, richtig aufs Klo gehen zu lernen. Es würde die deut­sche Kack­kultur revolu­tio­nieren.“

[3] Johann Osel: Tritt ins Klo. SZ, 07.05.2010. „So bestä­tigte es ein Sprecher des zustän­digen Landrats­amtes: In dem relativ neuen Teil­gebäude der Asyl­unter­kunft habe man eine Umfrage unter den Bewoh­nern gestar­tet: Sitz- oder Stehklo? 90 Pro­zent wollten nach west­lichem Stan­dard ihre Not­durft ver­richten, ein Zehntel hin­gegen entschied sich für die Steh­toi­lette. Als Kompro­miss wurde in dem Haus eine solche orien­tali­sche Toilette einge­baut. Eben jene, die der Syrerin zum Ver­hängnis wurde.“

[4] Robert Baumanns: "Kultur­sensible Toilette" Alte Feuer­wache in Köln: Brauchen Muslime ein eigenes WC? Express, 09.08.2017. „'Eine solche Toilette ent­spricht eher dem, was in isla­misch gepräg­ten Ländern üblich ist', sagt Konrad Müller vom Vorstand des Bürger­zen­trums. 'Und wir möchten den Menschen aus diesen Ländern damit das Gefühl geben, dass sie hier zu Hause sind.' […] Klar sei ebenso, dass diese Toi­lette nicht in Ost-​West-, sondern in Nord-​Süd-​Rich­tung gebaut werden müsse. 'Nach Mekka kacken geht gar nicht', erklärt Konrad Müller etwas flapsig.“

Es reicht

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Kartoffeln
Manche Sprachen kennen kein Geschlecht. Wo sie gesprochen werden, herrscht Gleich­berech­tigung. [1] In Deutsch­land aber werden Frauen diskri­miniert. Die hier im Dreck aufge­wachsenen Kartof­feln [2] tragen vorwie­gend weib­liche Namen, jedenvfalls die gemeinen Sorten. Unter den Jahres­kartof­feln ist die Rate der männ­lichen oder gar säch­lichen deutlich höher.

Wahrschein­lich liegt es daran, daß die Kar­toffel als solche weib­lich ist. Doch warum heißt der Deutsche nicht der Kar­toffel? Das haben neue inter­reli­giöse For­schungen geklärt: Kartof­feln sind weib­lich, weil sie in Säcke kommen, damit sie vor Licht geschützt sind, aber dennoch atmen können.

[1] Friedrich, Silke: Hengameh Yaghoo­bifarah - Feminist_in, Aktivist_in, Gender-​Outlaw. Vogue, 02.07.2017. „In der persischen Sprache gibt es ein Pronomen für alle, es wird nicht zwischen er, sie oder es unter­schieden.“

[2] Hengameh Yaghoobifarah: Deutsche, schafft Euch ab! Taz, 22.10.2017. „Kartof­feln würden lieber auf einen freien Tag verzichten, als Muslim­_innen einmal was zu gönnen. Warum machen sie so?“ Ich so: Ist so der Artikel des fluiden Geschlechtes?

Es reicht

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Hengameh Yaghoobifarah
Alpha-Blogger und ihre Kommen­tatoren verstehe ich zumeist nicht. Auch nicht die „Fettkar­toffel Hengameh“, zumal Don Alphonso doch selbst eine Weste gut aus­füllt. [1] Diesmal infor­miere ich mich und finde einen wahr­schein­lich ernst gemein­ten völlig wirren Beitrag von Hen­gameh Yaghoo­bifarah gegen deut­sche Kartof­feln. [2] Nach meinen jüng­sten Erfah­rungen mit ähn­licher Humor-, Sinn- und Denk­befrei­ung, hat mich das inter­essiert. Ich stieß auf ein Video über ihre Körper­fülle und dicke Menschen allge­mein, wozu ich mich selbst nicht nur zählen darf, sondern muß. So habe ich weiter ‚gesurft“ und gesehen, daß Hen­gameh Yaghoo­bifarah keine Probleme haben muß: Sie ist weiß, weib­lich, nicht richtig dick und von Natur aus sicher­lich recht lustig. Sie könnte mit ihrem Namen und ihrer Herkunft koket­tieren und ohne Nasen­ring und sichtbare Täto­wie­rungen auch in der feinen Gesell­schaft ihren Platz finden.

Doch scheint sie durch­fressen vom Haß gegen alles und jeden und hat insbe­son­dere ihr Über­gewicht ausge­macht, an dem andere sich nicht zu stören haben. Schon das Wort Über­gewicht hält sie für Diskri­minie­rung. Besser sei es, sie fett zu nen­nen, damit die Fat-​Shaming-​Keule geschwun­gen werden kann. Doch dabei bleibt es nicht. Keiner ist links und auto­nom genug, alle sind Ras­si­sten, Deut­sche sind Kar­tof­feln mit Rallye-​Strei­fen in der Hose, die den Mos­lems weder Klo noch Feier­tag gön­nen. Und ich bin so ein schwa­cher Deut­scher, der das auch noch lustig findet.

Warum reißt mich das zu einem Beitrag hin? Weil nicht nur ich beobachte, wie die gesamte Mensch­heit von der staat­lichen Ebene bis hinunter in die Familie Kleinst­gruppen ausson­dert, die sich unter­einander nicht grün gegen die Mehrheit profi­lieren. Damit dieser Prozeß zurück ins Mittel­alter nicht erlahmt, werden immer wieder neue Begriffe, Symbole, Gemein­sam­keiten, Verhaltens­weisen und Perver­sionen gesucht und erfunden, die eine neuer­liche Abgren­zung erlauben. Die fort­wäh­rende Spaltung der K‑Gruppen im Kampf um die kor­rekte Linie war nichts dagegen.

[1] Don Alphonso: Loden in cold climate. Rebellen ohne Markt, 10.11.2017.

[2] Hengameh Yaghoobifarah: Deutsche, schafft Euch ab! Taz, 22.10.2017.

Es reicht | Mimosen

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Sonne, Halbmond, Sterne
Der Anfang des Monates November ist voll von Gedenk­tagen. Heute hat um 11 Uhr 11 die Kampagne begonnen. Und im Schutze der Dunkel­heit wird es wieder zu Martins-​Umzügen kommen. Schon in den letzten Tagen sah ich Kinder mit Bat­terie, Laterne und Mutter. Einige trugen ein Kopf­tuch. Offen­sicht­lich eine multi­kulturelle Ange­legen­heit, die glück­licher­weise an mir vorüber­geht. Ich muß keine Batte­rien mehr kaufen, keine elektri­schen Lei­tungen repa­rieren, keinem Pferd hinter­her­latschen und auch keine Martins­lieder mehr im Gottes­dienst spielen.

Es scheint aber genügend Deutsche zu geben, die in ihrer Angst, ihrem voraus­eilenden Gehor­sam und dem von Henryk Broder erkannten Bedürf­nis, an den Moslems gutzu­machen, was sie an den Juden ver­brochen haben, eine reli­gions­neutrale Umbe­nennung vor­schlagen, etwa in Sonne-​Mond-​Sterne-​Fest. In zehn Jahren ist es dann der Halb­mond, in zwanzig der fünf­zackige Stern.

Ich bin Nordeut­scher und habe als Kind nur an Laternen­umzügen teil­genom­men. Von St. Martin hörte ich erst viele Jahre später. Inzwi­schen sind Jahr­zehnte verstri­chen, in denen auch kleine Katho­liken mit einfachen Laternen­umzügen glück­lich gewesen wären. Das hätte ihnen den lang­wei­ligen Gottes­dienst erspart. Doch beson­ders für die katho­lische Kirche gilt: Statt selbst zu ver­zichten, soll wieder einmal anderen gegeben werden, was sie gar nicht wollen.

[1] Sollte das Sankt-Martins-Fest umbenannt werden? Das sagen die Deutschen. Spiegel Online, 11.11.2017

Sterne | es reicht

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Oktoberrevolution
Heute wird man in unserem Teil der Google-​Welt mit einem thai­län­di­schen Gericht namens Phat Thai kon­fron­tiert, zu dem ich nicht heraus­fin­den konnte, warum es nicht auch an einem ande­ren Tag hätte ver­wur­stelt wer­den kön­nen. War es ein 7. No­vem­ber, an dem es zur Ver­wer­tung von Reis­resten zum thai­län­di­schen Nati­onal­ge­richt er­klärt wurde? Nor­maler­weise beachte ich die Google-​Doodle nicht, doch heute hatte ich mit der Okto­ber­revo­lu­tion gerech­net. Man mag zu ihr ste­hen wie man will, es sind nun ein­mal 100 Jahre. Und für ewig blei­ben wird die Rand­bemer­kung, daß sie im Novem­ber statt­fand. Wir oder zumin­dest einige von uns feiern sie am 7. No­vem­ber, weil sie an diesem Tage des Jah­res 1917 die Dik­ta­tur des Pro­leta­riats in Ruß­land ein­läu­tete.

Und obwohl Lenin nur wenige Monate später den grego­riani­schen Kalen­der auch in Ruß­land ein­führte, lei­tet sich der Name Okto­ber­re­volu­tion von ihrem julia­nischen Datum 25.10.1917 ab. Man mag darin eine Dif­fe­renz von 13 Tagen sehen, genau genom­men ist es aber der glei­che Tag, der grego­ria­nisch um 13 Tage höher bezeich­net wird. [1] Und nun höre ich schon die Ge­schichts­kundi­gen, die um Papst Gre­gor XIII wissen, der im Jahre 1582 auf Don­ners­tag, den 04.10. Frei­tag, den 15.10. fol­gen ließ, was nur 10 Tage mehr sind. Doch bis zur Okto­ber­revo­lu­tion war grego­ria­nisch bereits der 29. Fe­bruar der Jahre 1700, 1800 und 1900 ent­fallen.

Das führt mich auf die all­gemeine Frage, wann denn Jah­res­tage zu fei­ern sind. Ge­wiß nicht nach 12 Mo­na­ten zu 29 bzw. 30 Tagen. [2] Eher dann, wenn sich mög­lichst ohne zwi­schen­lie­gende Reform in einem Solar­kalen­der das Datum wie­der­holt, also Tages- und Monats­zahl gleich sind. [3] Wir haben 500 Jahre Refor­ma­tion wie immer zu Hallo­ween am 31. Ok­to­ber gefei­ert, nicht am 10. No­vem­ber, weil wir den abend­ländi­schen Kalen­der mit seinen im Okto­ber 1582 feh­len­den 10 Tagen ver­wen­den, zumal Histo­riker sich mehr für ein for­ma­les, oft­mals regio­na­les Datum inter­es­sie­ren als für genaue Zeit­spannen.

[1] Es ist im Prinzip wie mit dem Über­gang zur Sommer­zeit. Am letz­ten Sonn­tag im März wird 2 Uhr MEZ durch 3 OEZ ersetzt. Man könnte meinen, es fehle eine Stunde bis zur Tages­schau, doch in Wirk­lich­keit wird sie nur eine Stunde früher ge­sendet.

[2] Nach dem islamischen Kalender fällt die Okto­ber­revo­lu­tion auf den 21. Mu­har­ram 1336. Die Mos­lems hätten 100 Jah­re also am 21.01.1436 AH, dem 15.11.2014 fei­ern können.

[3] Wer am 29. Fe­bru­ar gebo­ren wurde, feiert in Normal­jahren juri­stisch korrekt am 1. März. Wie aber steht es um den 30. Dhu l‑Hidd­scha oder den dop­pel­ten Adar?

Schalttag | Reformationstag

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Dagen-H
Über die 500 Jahre Refor­mation habe ich die 50 Jahre Dagen‑H übersehen. Am 3. September des Jahres 1967 stand in Schweden für zehn Minuten der Verkehr still, damit alle von der linken Seite auf die rechte (H wie höger) wechseln konn­ten. In den Folge­tagen gab es keine Verkehrs­toten und weniger Unfälle, doch normali­sierte sich das bald, denn der Mensch wechselt schnell die Seite. Beein­drucken­der ist der Aufwand im Vorfeld. Ampeln waren zu instal­lieren, Verkehrs­zeichen neu zu pla­zieren, Auto­schein­werfer einzu­stellen. Polizi­sten hatten zuvor Rechts­verkehr geübt, Busse erhielten Türen auf der rechten Seite oder wurden in briti­sche Kolo­nien verkauft.

Ein Blick auf die Weltkarte zeigt, daß nur noch wenige Länder Links­verkehr betreiben. Neben Groß­britanien im wesent­lichen noch Austra­lien, Indien und Teile Süd- und West­afrikas. Und natürlich ein kleines Gebiet der USA, die ameri­ka­ni­schen Jung­fern­inseln, obgleich die Genfer Ver­ein­barung lan­des­weite Ein­heit­lich­keit vorsieht.

Eine kurze Wieder­holung der vermuteten geschicht­lichen Entwick­lung: Die mei­sten Menschen sind Rechts­händer. Das Schwert steckte links in der Scheide, um rechts zuschla­gen zu können. Und so ist es ange­neh­mer, andere rechts vorbei­ziehen zu lassen. Außer­dem kann man links von Schwert und Gegen­verkehr unbe­hin­dert auf sein Pferd steigen. So gesehen ist der rechts­hän­dige Mensch für den Links­ver­kehr gemacht. [1]

In dieser frühen und von Sexismus freien Zeit schlackerte der Mann nicht mit seinem Schwert den Frauen zwischen den Beinen. Er ging links und mög­lichst auf der rechten Straßen­seite, um das schwache Geschlecht vor dem Straßen­verkehr zu schützen, der nicht erst in der Neuzeit gefähr­lich wurde, weshalb auch das gemeine Fußvolk schon damals gegen die Fahrt­rich­tung, also auf der rechten Seite lief. [2]

Mit der franzö­sischen Revo­lution mußten sich alle der Mehrheit anpassen und nicht nur rechts laufen, sondern auch fahren. Das kam dem Links­händer Napoleon gelegen, der den Rechts­verkehr auf weite Teile Europas ausdehnte, auf England aber leider nicht. Den kontinen­talen Rest erle­digte dann Adolf Hitler.

Das metrische System war den Ameri­kanern zu franzö­sisch, der Rechts­verkehr offen­sichtlich nicht, denn auf dem Weg gen Westen saßen die Rechts­händer auf dem linken Pferd oder links auf dem Kutsch­bock, um die Peitsche rechts führen zu können. Gegen­verkehr von links war dann ange­nehmer.

Nun gibt es heute nur noch wenige Kutschen, doch das Lenkrad weiter­hin Rich­tung Straßen­mitte. Das mag einem wie Gewohn­heit vorkommen, doch Irland machte mir klar, daß es besser ist. Wenn man auf einer engen irischen Straße links eine Stein­mauer hat und rechts ein Lastwagen ent­gegen­kommt, dann ist man für die Rechts­lenkung des Miet­wagens dankbar. Mir hat das Spaß gemacht.

Auch wenn die Freude an der Anders­artikeit dann wegfiele, ist eine welt­weite Verein­heit­lichung von Vorteil. Und so regelt die Genfer Verein­barung auch viele Details des Straßen­verkehrs. Insbe­sondere muß jedes Fahr­zeug einen Führer haben. Wahr­schein­lich darf das in Zukunft auch ein Computer sein. Und der ver­tauscht spielend die Seiten. So beför­dert der Fort­schritt das Über­leben der Anders­artig­keit, die kul­turelle Vielfalt, die Buntig­keit der Welt.

Könnte man kosten­frei alles auf einen Schlag verein­heit­lichen, wäre der Links­verkehr von Vorteil, weil er weniger Unfälle produ­ziert. Das ist wohl nicht dem links­händigen Schalt­knüppel zu verdanken, nicht der Rechts­füßig­keit, da das Gaspedal immer rechts ist, und auch nicht der Fahrer­tür, die zur Straßen­mitte zeigen sollte. [3] Eher liegt es daran, daß der Mensch immer noch die Zügel in der rechten Hand von links auf sein Pferd steigt. Und im Links­verkehr hat der Fahrrad­fahrer den Bürger­steig links. [4]

Meiner Meinung nach darf es einem Menschen durchaus zugemutet werden, links und rechts zu vertau­schen. Man sollte auch Buch­rücken lesen können, die von unten nach oben beschrif­tet sind, und wissen, daß im Regal die Seiten­nummern von rechts nach links laufen, weshalb der Bücher­wurm sich vom Beginn bis zum Ende eines Lexikons den ersten und den letzten Band sparen kann. Viel­leicht würden Schrift­setzer gespie­gelt von rechts nach links lesen, wenn es wegen der Gravi­tation nicht besser wäre von unten nach oben zu setzen, also auf dem Kopf von links nach rechts zu lesen.

Weniger zufrieden mit der Links-​Rechts-​Vertau­schung bin ich aber, wenn jeder meint, selbst ent­scheiden zu können, welche Straßen­seite er heute benutzt und weder rechts vor links noch keep left beachtet, sondern auf sein dickeres Auto oder sein höheres Kasten­zeichen vertraut. Ich bin ein Freund der Verein­heit­lichung, der Stan­dardi­sierung, der Normie­rung, der Klar­heit, der Gleich­behand­lung, der Gerech­tigkeit, ein Anhänger von Regel und Ausnahme, von Norma­lität und Abwei­chung.

Und wenn es um Abweich­ungen und Rück­ständig­keiten geht, dann fällt immer wieder ein Band von Ost nach West auf. Zumeist dabei sind es die Staaten von Arabien über Indien bis Indo­nesien. Durch Afrika zieht es sich entlang des Mittel­meeres oder über die Ostküste. Im Westen strahlt es gerne in die USA aus, und im Osten nach Austra­lien, China oder Japan. Manchmal sind nur kläg­liche Reste geblieben wie beim Links­verkehr oder dem metri­schen System. Aber es gibt ja auch noch Strom­netze, Monar­chien, Todes­strafe, latei­nische Schrift, Kalender, Alphabeti­sierung und vieles andere mehr.

[1] Das ist kein Othering des Links­händers, er ist auch kein gesell­schaft­liches Konstrukt. Es ist eine Asym­metrie, denn auch der links­händige Tisch­tennis­spieler bevorzugt rechts­händige Gegner.

[2] Die rechte Seite für Frauen oder Höher­gestellte könnte man über­denken. Immer mehr schwert­lose Männer haben gerne den rechten Schlag­arm frei.

[3] Für die Schweden war der Rechts­verkehr sicherer, da ihre Autos vorwie­gend links gelenkt wurden.

[4] Es gibt Scheren für Links­händer. Doch warum haben Fahr­räder die Kette immer rechts und den Lenker vorne?

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