Es reicht
Ich bin noch mit dem Caffee-Lied [1] groß geworden, hielt den Musel­mann [2] ausschließlich für einen Moslem und den Islam für säbel­rasselnd. Später war ich fromm, fühlte mich den muslimen Weinbau­studenten im christ­lichen Schulungs­heim näher als den Heiden und durfte auch einen streng­gläubigen Moslem kennen­lernen. Daß ich dem Islam nun nichts mehr abge­winnen kann, liegt nicht an meinem Abfall vom Glauben, auch nicht an fünfzig Jahren Terro­rismus, denn ich bin zu reali­stisch oder auch misan­throp als daß mich ein paar tausend Tote beein­druckten. Es liegt auch nicht an den immer zahl­reicher werden­den Türken, Syrern, Rauschel­bärten, schon gar nicht an den Kopf­tuchträ­gerinnen.

Was also ist es? Zum einem sind mir Volks­gruppen zuwider, die nur sich selbst als Menschen sehen und auf andere herab­blicken. Zum anderen ist es die mir durch ständige Eska­paden, Extra­würste, Diskus­sionen und Bericht­erstattung gestoh­lene Aufmerk­samkeit. Zum dritten die deutsche Nach­giebig­keit und falsche Toleranz, unsere Entschul­digung unzivi­lisierten Verhal­tens als Ausdruck einer anderen Kultur. Und zum Schluß die Herab­würdigung derer, die Fehl­entwick­lungen beim Namen nennen und unsere Zukunft gefährdet sehen. [3]

Naturgemäß kam es zu Gegen­reaktionen. Die AfD erhielt viele Stimmen, es folgte der Koali­tions­zirkus. Man mag auf AfD-Wähler schimpfen, verant­wortlich aber sind Politiker, Journa­listen und Gut­menschen, die uns in diese Situa­tion brachten. Wir können uns kein neues Volk schaffen, aber unser Zusammen­leben nach unserem Geschmack gestalten. Und dazu gehört neben der Offen­heit gegen­über Flücht­lingen auch die Beibe­haltung moderner Errungen­schaften. Es gibt keinen Grund, voll Beklei­dete ins Becken springen zu lassen, Poly­gamie und Kinder­ehen zu akzep­tieren, Auslän­der von Metoo zu befreien, öffent­liche Plätze aufzu­geben und Minde­rbegabte durch­zuwinken.

Doch der Titel meines Beitrages bezieht sich nicht darauf, von alle­dem die Nase voll zu haben. Vielmehr reicht es mir, mich beständig über laute Prediger, keifende Klage­weiber, Fahnen­verbrenner und junge, männliche, arabische Namens­moslems zu beklagen, die den Untergang des Männer­friseurs verhin­dert haben. Es gibt genug, die das für mich erle­digen. Auch deshalb verstehe ich, wenn selbst inte­grierte und vorwie­gend ungläu­bige Moslems von der Dauer­kritik an ihren Lands­leuten genervt sind, obgleich es mich nicht per­sönlich trifft, wenn Deutsche als Nazis diffa­miert werden.

Ich möchte nicht wegen Einlas­sungen zum Islam zu Mißver­ständ­nissen Anlaß geben, die gar nicht ausge­räumt werden wollen. Ich möchte im Moslem oder Flücht­ling weiter­hin den normalen Menschen sehen, der wie ich an einem beschau­lichen und zivili­sierten Leben inter­essiert ist und nicht mehr unan­genehme Seiten hat als alle anderen auch. Ich möchte weiter­hin keine Will­kommens­feste feiern, wenn ein Fremder nebenan einzieht, aber auch keine drei Kreuze schlagen, wenn er wieder ver­schwindet. Ich möchte einfach Norma­lität. Deshalb werde ich mich in diesem Blog wieder anderen Dingen zuwenden.

[1] Karl Gottlieb Hering: C-a-f-f-e-e. Kanon zu 3 Stimmen. "C-a-f-f-e-e, trink nicht so viel Caffee, nicht für Kinder ist der Türken­trank, schwächt die Nerven, macht dich blaß und krank, sei doch kein Musel­mann, der ihn nicht lassen kann." aus Das große Lieder­buch, Lizenz­ausgabe des Deutschen Bücher­bundes. Türken kommen nur inso­fern vor, als daß die in meinen Augen schöne Kaffee-Kultur von den Osmanen über­nommen wurde. Kinder sollen den Kaffee meiden, denn er mache schwach. Zu beanstanden bleibt, daß den Muse­lmännern ange­sichts ihres ausgie­bigen Kaffee-Genus­ses unter­stellt wird, die zum Ver­zicht nötige Stärke nicht aufzu­bringen. Mög­licher­weise hat auch dieses Lied dazu bewogen, einen Schwäch­ling als Musel­mann zu bezeich­nen. So nannten KZ-Häft­linge ihre völlig abge­mager­ten Mitin­sassen. Doch schon vor dem Drit­ten Reich galt dieses Wort nicht mehr als korrekt. Der von Musik­lehrern so geliebte Kanon ver­schwand aus den Lieder­büchern.
[2] "Muselmann" kostet 1200 Euro. Merkur.de, 19.08.2009. Ob die 1200 Euro für ein veral­tetes Wort oder dessen Verwen­dung während der NS-Zeit fällig wurden, bleibt leider offen. Eine gewisse Abschät­zigkeit ist mehrere Jahr­hunderte nach Lessing jedoch nicht zu leugnen.
[3] Peter Grimm: 5 Minuten Rechts-Kunde mit Henryk M. Broder. Achgut, 10.12.2017. Der darin unschein­bar ver­linkte Film ist auch unter Youtube zu sehen. Darin läßt Henryk M. Broder durch­blicken, daß auch ihn die stän­dige Diffa­mierung ermüdet.

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