Acht
Warum die Acht in ihrer Beliebtheit deutlich hinter der Sieben liegt, bleibt unklar, zumal sieben auf den zweiten Blick nicht viel hergibt. Immerhin ist acht die dritte Potenz von zwei, geht also aus der göttlichen Eins durch dreimalige Verdoppe­lung hervor. Wohl deshalb steht sie für Voll­kommen­heit. Und die drei­fache Acht für Jesus=​IotaEta​Sigma​Omicron​Ypsilon​Sigma=​10+8+​200+​70+​400+200=​888. Heute würde er seine Namens­vetter von 888.com aus dem Tempel werfen, von 88 ganz zu schweigen.

Obschon bereits in den Sechzigern 32-Bit-Rechner üblich waren, hat sich das Byte zu 8 Bit durch­gesetzt und gehalten, vor allem in unserem Denken. Es wird noch lange dauern, bis es sich zu den antiken Maßen gesellt, die nur noch in den USA gebräuch­lich sind. Bis dahin sollte man die Umrech­nung kennen und nicht erwarten, einen 10 Giga­byte großen Film mit 100 Megabit pro Sekunde in zwei Minuten runter­laden zu können.

Hätte sich der Sandrechner des Archimedes durch­gesetzt, würden wir heute unsere Dezimal­zahlen in Vierer­blöcke (Myriaden) gliedern. Doch Dreier­blöcke (Tau­sender) sind uns ange­nehmer. Deshalb läge es nahe, auch drei und nicht vier Binär­stellen mit einer Ziffer zu schreiben, also die im Unix-​Bereich bevor­zugten Oktal­zahlen zu nutzen. Daß wir uns stattdessen mit den häß­lichen Hexa­dezimal­zahlen herum­schlagen, ist aber kein später Sieg des Archi­medes, sondern eben­falls der 8 geschul­det, weil die 8 Bit eines Bytes genau zwei Hexa­dezimal­stellen ent­sprechen.

Sprachlich ist die Acht ihren Nachbarn überlegen. Jeder kennt den Oktopus, die Oktave und den Deutschland-Achter. Wo dagegen gibt es Septo­pusse oder Sie­bener mit Steuer­mann? Zwar kennt die Musik auch Septimen, die Eso­terik Hepta- und Ennea­gramme, doch gab und gibt es einen Drang, in Achter­gruppen zu gliedern oder einfach sieben Schritte acht zu nennen, eine Altlast römi­scher Zähl­weise. Eine Oktave umfaßt nur sieben Töne, mit acht Tagen meint man eine Woche. John Newland glie­derte die Elemente in Oktaven, ohne die achte Gruppe der Edel­gase zu kennen. Zu groß war die Ver­suchung, die Ton­leiter ins Spiel zu bringen.

Es gibt auch berühmte achteckige Bauten, vom Felsen­dom in Jeru­salem bis zum Cafe Achteck in Berlin. Man mag darin die Voll­kommen­heit aus­drücken wollen, könnte auf ein Achteck aber auch einfach kommen, wenn man eine regel­mäßige Struktur bevor­zugt, ein Quadrat für zu schlicht hält, ein Kreis oder Sechseck zu kompli­ziert ist und eine Ausrich­tung nach Osten leicht zu erkennen sein soll. Die acht Seiten weisen in acht Himmels­rich­tungen, aus denen die acht Winde wehen. [1]

Spinnen haben acht Beine, die acht Gruppen von Elementen gliedern sich nach den äußeren 2+6=8 Elek­tronen. Sie gehen bevor­zugt Bindungen ein, in denen die Elek­tronen Oktette bilden. Die Chinesen preisen in ihren Restau­rants acht Schätze an, weil sie aus laut­lichen Gründen die Acht für eine Glücks­zahl halten, 2^3=8 Tri­gramme stehen für den acht­fachen Weg, gerne in acht Himmels­rich­tungen darge­stellt. Es gibt nur noch acht Planeten, die Venus wird durch den acht­strahligen Stern von Ischtar symbo­lisiert, die jüdische Beschnei­dung erfolgt am achten Tag. Acht Einfach­schritte sind eine Seil­länge (6 Meter). Je höher die Oktan­zahl, desto teurer das Benzin. Die letzen 16 treten im Achtel­finale gegen­einander an und kämpfen um einen Platz im Viertel­finale. Der Würfel hat acht Ecken und der duale Okta­eder deshalb acht Flächen. Auch Achte­lungen sind beliebt. Es gibt Rohre mit 3/8 Zoll Durchmesser, das okta­metri­sche Baumaß orientiert sich am Achtel­meter.

Die Acht als Inbegriff der Unend­lichkeit und Voll­kommen­heit zu sehen, kann nicht daraus abge­leitet werden, daß wir Unend­lich­keit oder Ehe­schlie­ßung mit einer liegen­den 8 bezeich­nen und in vielen Sprachen das Wort „Nacht“ aus „nicht“ und „acht“ zusammen­gesetzt sein soll. [2] Eher ist es ein langer wechsel­seitiger Prozeß gewesen, der Bedeu­tung und Benen­nung in Ein­klang gebracht hat. Die Acht ist also nicht hell, weil die Nacht dunkel ist. Man muß sich davor in Acht nehmen, aus Rede­wen­dungen mit Zahl­an­klängen Bedeu­tungen abzu­leiten. So hat die Acht auch sprach­lich nichts mit Äch­tung oder Acht­sam­keit zu tun, auch nicht mit aid, schon gar nichts mit Aids. Viel­mehr soll das Wort sich aus einer wie auch immer gear­teten Bezeich­nung für zweimal vier ausge­streckte Finger ableiten.

Oktaven nennt man auch die Oktonionen oder Cayleyzahlen. Sie werden aus acht reelen Zahlen gebildet. Mit Ein­schrän­kungen kann man mit ihnen wie mit reellen oder komplexen Zahlen rechnen. Und es verwun­dert nicht, sie nicht nur auf mathe­mati­schem Gebiet, sondern auch in der Physik erfolg­reich ein­setzen zu können. Trotz der sieben Imaginär­teile hat das nichts mit Musik, Regen­bogen, Wochen­tagen oder Wandel­sternen zu tun. Sonst bleibt mathe­ma­tisch nicht viel. Die Acht ist keine schöne figu­rierte Zahl, aber sechste Fibonacci­zahl. [3] Die Folge 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, ... kommt allent­halben vor, auch beim Legen eines Strei­fens der Breite 2 und Länge n aus Domino­steinen. Es gibt F(n+1) Muster, für n=5 also F(5)=8: [4]



Nicht immer nur Kaninchen, auch einmal Mauern im Achtelmeter-Baumaß

[1] Warum keine 16 oder nur vier Windrichtungen? Das hängt davon ab, was man unter ihnen versteht. Die Griechen sollen acht Winde benannt haben. Und so halten wir es heute noch. Regel­mäßig gibt es stür­mische Nord­west­winde, von Nord­nord­west-​Winden habe ich noch nicht gehört. Und wenn man es genauer sagen will, dann spricht man von Winden aus nord­nord­west­licher Rich­tung oder von auf Nord drehenden Nord­west­winden.

[2] Gute N8, 1tr8 Frankfurt, interpol8. Warum hat die Zehn Angst vor der Sieben? Why is six afraid of seven? Seven ate Nine!

[3] N. J. A. Sloane: The On-Line Encyclopedia of Integer Sequences. A000045. 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55, 89, 144, 233, 377, 610, 987, ...

[4] Ich habe wieder von der Indexschreibweise Abstand genommen, weil Hoch- und Tiefstellungen den Zeilenabstand verpfuschen und die im Unicode zur Verfügung stehenden nicht so stark versetzten kleinen Ziffern und Buchstaben nicht von jedem Browser angezeigt werden, insbesondere nicht auf primitiven Mobiltelefonen. Auch unter blogger.de weiß man oftmals nicht, was durchgelassen, was gestrichen und was korrekt angezeigt wird. So ist das seit den Anfängen der Daten­verar­beitung: [ statt Ä im deutschen Text, dafür Ä statt [ im Assembler. Damals gab es noch eine einfache Hard­ware­lösung: Ein Schalter am Computer, der zwischen deutsch und englisch umschaltete. In Zukunft werde ich mich noch mehr als bisher bemühen, auch noch so kleine Formeln im Text zu vermeiden.

7 | 9 | 88 | 888 | Live 8 | Drehsinn | Oktave

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In meinem IG-Metall-Kalender steht nichts von Weiber­fastnacht, vermerkt ist aber neben dem Valen­tinstag der heutige Welt­frauentag. Und in den Nach­richten sehe ich eine Frau, die eine dicke, fette 8 hochhält. Ob es den Frauen gelingt, diese Zahl für sich zu verein­nahmen, bezweifele ich. Immerhin scheint ihnen späte­stens dieses Jahr zu dämmern, daß auch Frauen Frauen diskri­minieren. Eigent­lich ein Gemein­platz, denn es sind nicht die Männer, die Gene­ration für Gene­ration das Tragen von Kopf­tüchern erzwingen und Beschnei­dungen an Mädchen vornehmen.

Und ich muß heute auch lesen, daß Bodo Ramelow die von seiner eigenen rot-rot-​grünen Regierung durch­gesetzte Vorschrift streichen möchte, nach der auf Wahl­listen die Hälfte aller Kandi­daten Frauen sein müssen. Es bedurfte wohl erst einer Verschär­fung des parlamen­tarischen Klimas in Thüringen und der Angst vor einer Wahl­anfech­tung. Mir leuchtet das ein: Zum einen müßten umgekehrt auch genügend Männer auf jeder Liste sein, daß reine Frauen­truppen wie seiner­zeit die GAL in Hamburg gar nicht möglich wären. Und zum anderen sollte das freie Wahl­recht auch bedeuten, eine Liste wählen zu können, durch die keine Quoten­frauen durch­gewunken werden.

Meine Haltung, um dieses in letzter Zeit verdorbene Wort einmal zu verwenden, zur Gleich­berech­tigung bleibt unver­ändert. In meinem Kommentar zu den ebenfalls die 8 verein­nahmenden Live-8-​Kon­zer­ten in den G8-Mit­glieds­staaten, die heute nur noch sieben sind, schrieb ich: Letztlich führt nur die Besei­tigung der Armut zur Gleich­berech­tigung der Frauen, zur Verrin­gerung der Geburten­rate, zur Ausrot­tung von Krank­heiten und zur Ableh­nung von Gewalt. Und ich hätte damals hinzu­fügen sollen: Das alles wird am effizien­testen durch Bildung erreicht. Angesicht männ­licher G8- und G9-Lei­stungen müssen die Frauen hierzu­lande eigent­lich nur abwarten.

Live 8 | Thüringen

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Bei den Chinesen gilt die 8 als Glückszahl. Für Autokennzeichen und Telefonnummern mit möglichst vielen Achten werden angeblich stattliche Geldbeträge bezahlt.

Die antike Auffassung, wonach die 8 (oder auch das Achteck) für Vollkommenheit stand, haben Sie ja erwähnt. Achteckige Sakralbauten wie der Aachener Dom sind wohl dem Felsendom in Jerusalem nachempfunden.

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Ja, die acht Schätze aus dem China-Restaurant. Leider machen sich die Chinesen nur wenig Gedanken über die vermeint­lichen Eigen­schaften der Zahlen und ihrer Zusammen­hänge, sondern beurteilen sie vor allen nach lautlichen Gesichts­punkten. Sie waren somit den eleeten Spinnern voraus.

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