Deutschbindestricher
Zum Tag der deutschen Einheit reicht nicht mehr ein Tag der offenen Moschee eben­falls am 3. Ok­tober, der einst zumin­dest vorgab, Moslems und Christen seien eins wie Ost und West. [1] Jetzt wird zur Unmenge an Flücht­lings-, Aus­länder-, Rassis­mus- und Frauen­tagen auch noch ein Tag der Viel­falt gefor­dert, obgleich das Wort Viel­falt zusammen mit Bereiche­rung sich auf dem abstei­genden Ast befindet und bald zur Lach­nummer wird wie dereinst die blühenden Land­schaften, während Rotkäpp­chensekt und der Solida­ritäts­zuschlag sich gehalten haben.

Im Zusammenhang dieser Kampagne von Türken, Schwarzen, Moslems und Persern [2] taucht auch das Wort Binde­strich­deutscher auf, offen­sicht­lich analog zum Biodeut­schen konstru­iert. [3] Es hebt wohl auf stigma­tisie­rende Bil­dungen wie Deutsch-​Türken ab und nutzt eiskalt die Tatsache, daß selbst Einhei­mische Deutsch­binde­stricher sind, weil sie gerne auch deutsche Wörter mit einem Binde­strich zusammen­setzen. Doch es gibt keine Deutsch-​Amerikaner, keine Mit-​Bürger, keine Beute-​Deutschen, eigentlich auch keine E-Mail. [4] Ich warte noch auf die Minus-​Deutschen, für die Binde-, Gedanken-, Geviert-, Spiegel-, Trenn­strich und Weniger­zeichen immer Minus heißen.

[1] Interessant ist der Zusammenhang zur von Christen getragenen Interkul­turellen Woche der auslän­dischen Mitbürger. Laut Wiki­pedia ist es die christ­liche Woche vor dem Ernte­dankfest, das dieses Jahr auf das späteste Datum 7. Okto­ber fällt. Das war einmal so. Jetzt kann es jeder wie ein Dach­decker hand­haben, wie auch den Erntedank­gottes­dienst. Ich hasse Gedenk- und Feier­tage, deren Termine sich nicht aus einem noch so kompli­zierten Algo­rithmus ergeben, die somit in Kalender­programmen und tausend­jährigen Kalen­dern nicht nur wegen ihrer Bedeu­tungs­losigkeit fehlen. Dieses Jahr fiel das Los auf die Woche vom 23. bis 29. Sep­tem­ber 2018 unter dem Motto "Vielfalt verbindet". Für den Tag des Flücht­lings am Freitag, den 28. Sep­tember mußte ein weiteres her: Rettet das Recht auf Asyl! Da ich keine Doktor­arbeit zum Thema "Christ­liche Feiertags­vielfalt" schreiben will, gehe ich auf der Basis der wenigen mir vorlie­genden Daten davon aus, daß die Interkul­turelle Woche nicht die letzte oder zweit­letzte christ­liche Woche vor dem Ernte­dankfest ist, auch nicht die letzte im September oder die erste nach dem Herbst­anfang, sondern die des letzten Freitags­gebetes im September. In Wirklich­keit ist es wohl die Vielfalt der Regionen abbil­dende Willkür, ähnlich den Schul­ferien, an denen Erntedank­gottes­dienste gerne ausge­richtet werden.
[2] Manche mögen Iraner als einzig politisch korrekt sehen. Doch seit gestern hat der mit wem auch immer bestückte Inter­natio­nale Gerichtshof die Ameri­kaner auf einen Vertrag aus dem Jah­re 1955 mit dem Schah von Persien ver­pflich­tet. Ginge es nicht um Sank­tionen der Ameri­kaner, sondern der Griechen, hätte man sicherlich noch eine Tontafel aus der Zeit vor Alexander dem Großen gefunden. Auch die Reichs­bürger sollten vor dem Inter­natio­nalen Gerichtshof ihr Glück versuchen, obwohl er sich bereits für die Bundes­republik als Rechtsnach­folger des Dritten Reiches entschieden hat.
[3] Wolfgang Hebold: Tag der deutschen Einfalt. Freie Welt, 04.10.2018.
[4] Aus ästhetischen Gründen oder um Sterne und Binnen­versalien aufzu­lösen, sind Sql-Plus statt Sql*Plus, I-Pod statt iPod oder Kaffee-Ernte natürlich angezeigt. Auch gegen Geschirr-Rückgabe hätte ich nichts, so man Geschirrückgabe für veraltet hält. Auf Schildern bietet sich eine zweizeilige Darstellung an.

Tag der Einfalt | Deutschkubaner | UN | Unterstrich | Kirchenjahr

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Tag der Einfalt
In den letzten Tagen wurde es ruhig, alle wollen zurück zur Normalität, sich in den politi­schen Resten einrichten. Meuche­leien [1] blieben weit­gehend aus oder fanden nicht mehr den Weg zu Google-News, wo ich völlig erwar­tungsarm auf einmal etwas vom Tag der deutschen Vielfalt lese. [5] Den fordern die auf Ostdeutsche neidi­schen Migranten­verbände. Voran wieder die üblichen Verdäch­tigen, Türken, Schwarze, Syrer, Perser. Wären es die Spanier, würde ich einen solchen National­feiertag auf Mallorca vorschlagen.

[1] Tochter von AfD-Politi­kerin sorgt mit rassisti­schem Gedicht für Eklat. Stern, 02.101.2018. Links ist auch Gewalt und Scheiße Kunst, sofern es die eigene ist. Bessere Beiträge anderer gehören nicht dazu: Seht im Spiegel den Heuchler und liebt euren Nächsten, den Meuchler. [2] In der Vorrunde (Neger, Zigeuner, Handy ohne Paß, Messer) wurde sogar der Ton abgedreht. [3] Thema verfehlt, fünf, setzen. Das Publikum pro­testierte. Für die einen gegen die Zensur, für die anderen gegen den Vortrag von Ida-Marie Müller.
[2] Daniel Kemmerich: Poetry Slam - Ida-Marie Müller - Endrunde. Youtube, 27.09.2018.
[3] Daniel Kemmerich: Poetry Slam - Ida-Marie Müller - Vorrunde. Youtube, 27.09.2018. "Speyer ohne Rassismus - Speyer mit Courage", so kann lokale Propa­ganda nach hinten losgehen und bundes­weite Aufmerk­samkeit erregen. Und die Diskus­sion geht weiter, an Haus­wänden. [4]
[4] Karin Aebischer: Haus von AfD Politi­kerin Nicole Höchst versprayt. Nau, 03.10.2018.
[5] Migranten­verbände fordern "Tag der deut­schen Vielfalt". Spiegel Online, 03.10.2018.

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Humorlosigkeit
Vielleicht liegt es an meinem Alter, in dem ich die volle Realität nicht mehr wahrnehme, schon gar nicht mehr die der Jugend­lichen. Doch meine ich, im Verlaufe meines Lebens eine Verfla­chung des Humors, der Satire, einen Nieder­gang des Kabaretts, des Witzes beob­achtet zu haben. Wo früher noch drei­stufig "Kommt eine Frau zum Arzt ..." erzählt wurde, reicht heute der einzei­lige Flachwitz "Deine Mudda ist so ..."

Umgekehrt werden die meisten Jugend­lichen gähnen, wenn sie alte Sketche mit Rudi Carell sehen. Aber denen gebrach es damals schon an Tief­gang. Auch andere Aufnahmen vergan­gener Zeiten und viele alte Spiel­filme wirken oftmals künstlich, gestelzt oder verstaubt, weil das Bild keine Farbe hatte, die Aufnahme­technik noch nicht ausge­reift war und mit weniger Erfah­rung und Mitteln gedreht wurde.

Während man heute im Erdkunde­unterricht eine Moschee besucht, fuhren wir üblicher­weise in die Reichs­haupt­stadt Berlin, um im Osten das ärmliche Leben zu sehen und an der Grenze ordent­lich gefilzt zu werden. Als ausglei­chende Indok­trina­tion wurden die Stachel­schweine besucht. Sie und die Münchener Lach- und Schieß­gesell­schaft erzielten hohe Einschaltquoten, obwohl eine gewisse poli­tische Kenntnis zum Verständnis erforder­lich war. Erfah­rungen aus dem Zusammen­leben von Mann und Frau allein reichten nicht.

Und wie ist es zur Zeit? Wenn Satire sich nicht völlig politik­frei mit Frauen, Männern und Handys beschäf­tigt, sondern mit Politik und Tagesge­schehen, dann reichen politi­sche Späße und Spitzen, so einseitig sie auch sein mögen, nicht aus. Vielmehr wird strecken­weise ganz humorlos morali­siert. Bei Oliver Welke einge­leitet durch "Jetzt mal im Ernst", in der Anstalt seit dem Abgang von Priol mit durch­gängigen Beleh­rungen, soweit ich es gesehen habe, denn ich mußte immer bald abschalten, weil mir schlecht wurde.

Vor diesem Hintergrund und Zeitgeist verwundert eigentlich nicht, daß poli­tische Satire nur noch einseitig produ­ziert, zumindest aber gesehen und einge­ordnet wird. Für die einen ist es eine treffende Kritik und Veral­berung des Gegners, für diesen eine unge­heure Verun­glimpfung. So auch ein harm­loses Youtube-Filmchen des "Bohemian Browser Bal­lett" [1], in dem die Volksauf­läufe in Chemnitz auf den Arm genommen werden. Ich verstehe nicht, warum man sich über andert­halb Minuten sofort erkenn­barer Satire aufregen kann, wenn zur besten Sende­zeit echte Lügen als Dokumen­tationen verkauft werden. [2]

Jedenfalls habe ich es mir ansehen und danach noch eine ganze Reihe weiterer Filmchen, die im Gegen­satz zu vielem Youtube-Mist gut gemacht sind. Sicher­lich mit Geld des Funk-Kanales, in den Zwangs­gebühren von ARD und ZDF fließen, um Jugend­liche bei der Stange zu halten. Aber um Klassen besser als sich ebenfalls an diesen Töpfen labende "Jäger & Sammler" mit 90 Prozent Daumen nach unten. [3] Deren Beiträge sind nicht nur einseitig, sondern auch noch abartig und strunz­dumm.

Um Verwechselungen vorzubeugen: Es geht nicht um das Video, in dem ein AfD-Stand vorge­täuscht wird, von dem ein Afri­kaner gejagt wird. [4] Hier handelt es sich offen­sicht­lich um eine Handy-​Aufnahme von Drehar­beiten für "Volksfest in Sachsen". Darin ist der AfD-Stand für drei Sekunden im Bild. Im Vorder­grund wird ein Afri­kaner durchs Bild gehetzt und kommt bei #wirsindmehr vorbei, wo freie Getränke für alle ange­priesen werden. Einen weiteren Auftritt hat der Afrikaner, als er für eine Sekunde vor dem ange­ketten Nazi flieht. Alles von Anfang an als Satire erkenntlich!

[1] Volksfest in Sachsen. Youtube, "Bohemian Browser Ballett", 17.09.2018. Lohnt sich schon wegen des Polizisten mit deutschem Anglerhut und den Hitlergrüßen für 10 Euro, aber auch wegen des Nazis an der Hundeleine und dem "bleib hier" aus dem Zeckenbiß-Video.
[2] "Schlecky Silberstein": Blogger wird nach Satiredreh von AfD bedroht. Zeit, 18.09.2018.
[3] Zivile Rebellen | Jäger & Sammler. Youtube, "Jäger & Sammler", 27.08.2018.
[4] NEUES FAKE-VIDEO AUFGEDECKT! Youtube, Afd Berlin, 12.09.2018.

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Gigantismus
Ich habe immer gerne die Unter­schichten­vernügen besucht, die je nach Landschaft Jahrmarkt, Kirmes oder Rummel heißen, in Frankfurt Dippemess. Im wört­lichen Sinne gibt es letztere seit zwei Jahren nicht mehr, der Dippe­bereich ist geschlossen. Dieses Jahr fehlten auch das Riesenrad und die Achter­bahn. Ältere Menschen sind kaum noch zu sehen, nur noch junge Klein­familien oder Gruppen Jugend­licher. Und davon auch nur noch die Hälfte. Liegt es an den hohen Preisen oder an der Angst?

Kein Riesenrad mehr, aber noch Riesen­attrak­tionen, Riesen­spaß, ein Riesen­feuerwerk und auch Riesen­küsse. Das sind große Schaum­küsse in verschie­denen Farben und Mustern. Noch nehmen die Riesen das hin, proben keinen Zwergen­aufstand wie die Tierschützer gegen das Pony­reiten. Hau den Lukas heißt jetzt nicht etwa Memet, sondern Dampf­hammer. An Eier­laufen kann ich mich nicht erinnern, Dosen­werfen aber gibt es noch. Sogar mit größeren Bällen für Frauen. Zum Ausgleich zahlen sie den gleichen Preis wie Männer und Kinder, nicht 21 Pro­zent weniger.

Prekarioten | N-Wort mit Gazelle

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Deutschkubaner
Als Schüler wurden in Röntgen­reihen­unter­suchungen auch von mir Schirm­bilder ange­fertigt. Jetzt sitze ich vor dem Bild­schirm, weil in zusammen­gesetzten Wörtern der deutschen Sprache das Grundwort zumeist rechts steht. Ist x die Bezeich­nung für einen Menschen nach seiner Staats­angehö­rigkeit, so kann ein Zusatz y deutlich machen, welcher Nationa­lität er früher war, zusätz­lich noch ist, woher er, seine Eltern oder auch nur deren Vor­fahren stammen.

Parade­beispiel für eine klare Wortbildung yx ist der Deutsch­amerikaner, der sich selbst­verständ­lich als Ameri­kaner x fühlt, aber auf seine deutsche Abstam­mung y wert legt, evtl. auch deut­sches Brauchtum pflegt. Legt man deutsch genügend weit aus, bilden sie die größte Gruppe nach den Anglo­ameri­kanern. Die Afroame­rikaner fallen nur mehr auf.

Für Deutsche mit den berühmten auslän­dischen Wurzel sind analoge Zusammen­setzungen yx weniger gebräuchlich, auch wenn es Rußland­deutsche und in letzter Zeit auch poli­tisch korrekte Afro­deutsche gibt, die bisher einfach Deutsch­afrikaner hießen. Verwech­selungs­gefahr besteht nicht, da sich für Deutsche in Afrika keiner inter­essiert.

Wenn wir gerne umge­kehrt von xy sprechen, so hat das zumeist lautliche Gründe, sofern es sich um alte Bildungen aus der Zeit sprach­licher Unschuld handelt. Heute wollen solche Wörter korrekt abge­wogen sein. Trotzdem ist aktuell ist der Deutsch­kubaner in aller Munde. Der laut Joachim Hermann wunder­bare Neger Roberto Blanco ist seit 1971 Deutsch­kubaner (xy), denn seine Eltern sind beide Afro­kubaner (yx).

So wie die Bezeich­nung Deutsch­kubaner für Roberto Blanco wenig informativ ist, so entsteht auch kein Deutsch­kubaner, wenn eine deutsche Frau ein Kind von einem Kubaner gebiert, der genetisch nicht weit entfernt von Fidel Castro ist. Nie würde ich mich als Halbjude sehen, wenn nach Jahr­zehnten heraus­käme, daß die leib­lichen Eltern meiner Mutter nicht nur einen jüdischen Namen trugen. Ich bleibe einfach deut­scher Nach­fahre von Norddeut­schen, Ostpreußen, Germanen, Römern, Wikingern und Neander­talern.

Man wird auch kein Linker durch den Besuch eines Gratis­konzertes gegen Rechts. Auch nicht posthum, wenn man den Springer­stiefeln entwachsen mit Kunst­glatze auf Face­book einen linken Daumen gehoben oder eine fernöst­liche Weisheit absondert hatte. Ich muß mir noch einmal überlegen, welche Instru­mentali­sierung mir im Himmel lieber gewesen wäre, hätte mich die RAF wegge­sprengt: Die Unzufrie­denheit des Volkes bis an den rechten Rand oder ein linkes Image wegen langer Haare und rotem Pullover.

Zurück zur entlar­venden Sprache. Je mehr man sich in den Bereich begibt, da sich die x aus y gar nicht als x sehen und y vor sich hertragen, wird die Bezeich­nung xy dem Standard yx vorgezogen, das Hauptgewicht auf y gelegt. Harmlos war es bei den Deutsch­italienern, zumal Italo­deutscher wie ein schlechter Film klingt. Später ging es weiter mit den Deutsch­türken, die bezeich­nender­weise oft nur in Deutsch­land lebende Türken heißen. Irgend­wann wird es wie für die Afro­deut­schen eine poli­tisch korrekte Bezeich­nung für sie geben.

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Hetzjagd
Jeder normale Mensch kennt den Unter­schied zwischen jagen und verjagen, auch zwischen einer normalen und einer Hetz­jagd, bei der das Opfer verfolgt wird, bis es in die Enge getrieben oder erschöpft ist. Wer so jung ist, dies nicht mehr zu wissen, der sollte seinen Blick über den Rand von Face­book und Twitter Richtung Wiki­pedia schweifen lassen.

Jeder normale Mensch kennt auch den Unter­schied zwischen eine realen Jagd auf Menschen und Tiere, der Jagd nach dem Glück und der geistigen Jagd mit dem Ziel, Denk­gebäude anderer einzu­reißen, ohne sie zu schika­nieren oder körper­lich zu beein­träch­tigen. Zu dieser Jagd hat die AfD aufge­rufen. Dabei kommt es auf beiden Seiten, vom Jäger und vom Gejagten zu beschä­menden Über­trei­bungen.

Wenn man in einer geistigen oder poli­tischen Ausein­ander­setzung gerade mit dem Arsch an der Wand steht, sollte man erwägen, klein­laut stehen zu bleiben, viel­leicht ein Ofer darzu­bieten oder notfalls die Waffen zu stecken, statt unter Getöse den Angreifer noch ein letz­tesmal abzu­wehren, um dann an der nächsten Ecke wieder gestellt zu werden. Am Geldau­tomatem mit Syrern im Rücken sieht das anders aus.

Wir alle wissen, daß es am Rande von Demon­stra­tionen und Menschen­aufläufen zu Gewalt­taten, zu Panik und auch Toten kommen kann, zumeist durch Herz­kasper und Unfälle. In Chemnitz aber war trotz Handy-Seuche nur einziges Filmchen in Sekunden­länge zu sehen, weshalb die Bundes­regie­rung zumin­dest einen spon­tanen Auflauf als Hetz­jagd einstufte. Das war mit dem Arsch an der Wand dumm, weil nur die immer weniger werdenden Jünger einen solchen Schwach­sinn glauben. [1,2]

Und nun ist es passiert: Auch der "sprach­lose Schwätzer" [3] Kretschmer, der beim Bürger­gespräch durch verle­genes Auswei­chen und bei Anne Will durch freche Bevor­mun­dungen auffiel, hat zuge­geben oder besteht sogar darauf, daß es in Chemnitz "keinen Mob, keine Hetz­jagd und keine Pogrome" gab. Natür­lich im Verein mit Beschimp­fung von Rechten, Relati­vierung von Chemnitz auf ganz Deutsch­land und Auffor­derung an die auf seiner Seite gewähnte schwei­gende Mehr­heit. Mit dem Arsch an der Wand müssen eben Opfer gebracht werden, auch wenn sie Merkel heißen.

[1] Henryk M. Broder: Chemnitz: Die Regie­rung leistet einen Offen­barungseid. Achgut, 05.09.2018. Darin wird Herr Seibert zitiert: "Ich werde hier keine seman­tische Debatte führen. Wenn die General­staats­anwalt­schaft das sagt [keine Hetz­jagd], dann nehme ich das natür­lich zur Kenntnis." Und wenn Herr Broder in Zukunft nicht nur seine elektro­nische Post klein schreibt, dann kann ich ihn nicht mehr lesen. Das ist ja schlimmer als Stern, Unter­strich und Binnen­versalien zusammen!
[2] Am schmie­rigsten fand ich den beleh­rend menschen­deln Lanz, der noch nicht die Sprache gefunden hat, gewisse Dinge zu artiku­lieren und es nicht für möglich hielt, daß Ausländer über eine vier­spurige Straße getrieben werden. Gut, einer wurde in einem sehr weiten Sprach­sinne auf eine(r) mehr­spurige(n) Fahrbahn gejagt. Nur hat ihn keiner verfolgt, und alle standen auf der Straße, die deshalb nicht befahren wurde.
[3] BRODER ÜBER SACHSENS REGIERUNGSCHEF: "Der Mann ist ein sprach­loser Schwätzer" Welt, 30.08.2018.

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Sommerzeit
Es war noch keine 100 Jahre her, da in Deutsch­land zur Verein­fachung des Bahn­verkehrs die zeit­liche Klein­staaterei durch eine einheit­liche Mittel­euro­päische Zeit MEZ beendet wurde, da kamen auch bundes­deutsche Poli­tiker auf den Trichter, der DDR nachzu­eifern und die um eine Stunde vorge­hende Sommer­zeit MESZ einzu­führen, um damit den in Kriegs­zeiten einge­übten und von Nachbarn gepflegten Schwach­sinn ins neue Jahr­tausend zu retten. Bis heute nenne ich sie gerne Osteuro­päische Zeit OEZ.

Der Grund­gedanke bestand in der Hoffnung, die Menschen würden aus reiner Gewohn­heit, aber auch durch Arbeits­zeiten und Tages­schau genötigt im Sommer einfach eine Stunde früher aufstehen und ins Bett gehen. Diesem Druck vermochte die Natur nur wenig entgegen­zusetzen. Nur wer es sich leisten konnte, blieb abends einfach "länger" sitzen und stand morgens um die gewohnte Zeit "später" auf.

Bis heute hält sich das vorge­schobene Argument der Energie-Ersparnis. Die ist nicht eingetreten. Ein besseres Motiv ist die Anpassung an die im Laufe der Jahre einge­tretene Verschie­bung des gesamten mensch­lichen Tages­ablaufes nach hinten. Früher durch das elek­trische Licht, später durch die Laden­öffnungs­zeiten. Zur Anpas­sung hätte ein ganz­jähriger Wechsel in die Osteuro­päische Zeit ausge­reicht. Das hätte viel Ärger erspart:

Ja, in den achtziger Jahren gab es bereits Unix-Rechner mit ihrer Unix-Zeit und einstell­baren Zeitzonen. Auf eine automatische Zeitumstellung mußte aller­dings noch gewartet werden. Den Rechnern waren noch nicht alle Zeit­fürze der gesamten Welt bekannt. Ich wollte mich korrekt verhalten und habe zur Sommer­zeit nicht die interne Uhr, sondern die Zeitzone umge­stellt. Gefähr­liche Crontab-Einträge gab es nicht. Daß dadurch alte Dateien nicht mit der Winter­zeit ihrer Erzeugung ange­zeigt wurden, war uner­heblich oder gar erwünscht.

Doch dauerte es nicht lange, bis die erste Schreib­kraft sich über eine falsche Uhrzeit beklagte. Dem deut­schen Textver­arbeitungs­system ging die Zeit­zone am Arsch vorbei. Es nahm selbst­verständ­lich an, in einem Deutsch­land mit Mittel­europä­ischer Zeit zu stehen und schlug der Unix-Zeit einfach eine Stunde zu. Also zurück zu quick an dirty. Sich Arbeit und Gedanken zu machen, vielleicht sogar systema­tisch vorzu­gehen, war wieder einmal für die Katz. Für Verwun­derte: Ja, es gab damals deutsche Software auf deutschen Rechnern.

Als erstmalig auf die Sommer­zeit umzu­stellen war, weigerte sich mein Orts­vereins­vorsit­zender, seine Uhr umzu­stellen, weil es der Regie­rung nicht zukäme, die Zeit zu ändern, auch nicht unter Helmut Schmidt. Ich war ebenfalls der Meinung, man hätte die Tages­schau auf 19 Uhr legen sollen, gewohnte andert­halb Stunden nach Laden­schluß um 17:30. Zur Erinne­rung lasse ich noch heute auf meinem Funk­telefon die Winter­zeit durch­laufen. Ja, es ist so schlicht, synchro­nisiert nicht von selbst und geht mittler­weile nur noch 55 Mi­nuten nach.

Doch Faulheit führte wie oft in der Geschichte zu bequemen, nur auf den ersten Blick überlegen Entschei­dungen. Man wollte kein Gesetz ändern, keine Vorschrift jahres­zeiten­spezi­fisch gestalten und nutzte aus, daß überall still­schweigend von Mittel­euro­päischer Zeit ausge­gangen wurde, die einfach durch die Sommer­zeit ersetzt werden konnte. Das geschah auch nicht zum erstenmal in Deutsch­land. Besonders das Zeit­chaos des zweiten Welt­krieges entschul­digt die Römer, die gelegent­lich ein Schalt­jahr vergaßen.

Nachdem nun durch jahrelange Übung und Automati­sierung die nächt­lichen Probleme an den Tagen der Umstel­lung beherrscht werden, kommt man wieder zur Vernunft. Doch nicht voll­ständig. Statt zur Normal­zeit zurück­zukehren und sich durch Verschie­bung von Uhrzeiten dem modernen Leben anzu­passen, kommt es durch die Ausdeh­nung der Sommer­zeit auf das ganze Jahr nun zu einer dauer­haften Verla­gerung nach Osten. Stand bisher die Sonne in Hamburg erst um 12:20 am höchsten, wird es in Zukunft Sommers wie Winters 13:20 sein. Noch eine Stunde bis zur Mekka-Zeit. [1]

Ein Blick in den Ramadan-Kalender meines türki­schen Gemüse­händlers belegt die Diskre­panz zur über­kommenen 12-Uhr-Noon-Vorstellung: Im laufenden Jahr 1439 war unter Ögle 13:30 plusminus zwei Minuten angegeben, Yatsi erreichte am Ende des Fasten­monats genau 23 Uhr. Und ich fragte mich, wie ich seiner­zeit mit meinem frommen Kommili­tonen und seiner offen­haarigen Schwester um 20 Uhr ins Theater gehen konnte, wenn er erst beten mußte und wir dann noch in Ruhe seine vorbe­reiteten Speisen aßen? Es muß Mitte September gewesen sein. Doch in 14 Tagen geht die Sonne erst um 19:30 unter. Problemlösung: Es gab noch keine Sommer­zeit!

Die Sommerzeit ganzjährig zu behalten und so dauerhaft in UTC+2 weit östlich der Ortszeit zu fallen, ist nicht nur moslem­feindlich. Es knüpft an die Jahre 1940 bis 1942 an und verletzt das Prinzip, die Zeit­zone des Landmassen­schwer­punktes zu wählen. [2] So ist es in China vernünftig und eingeübt, nur eine Zeitzone zu haben. Bleiben aber die Spanier im konti­nentalen europä­ischen Verbund, dann liegen sie ganze zwei Stunden daneben. Ich hoffe, die Engländer werden bei ihrer Green­wich Mean Time GMT bleiben, damit sie nicht in Verges­senheit gerät.

Eine anständige Reform wäre, überall die Baryzen­trische Dynami­sche Zeit TDB einzu­führen. Dann würden die Uhren auf der ganzen Welt gegen­wärtig unge­fähr GMT anzeigen und der Schwach­sinn mit der Datums­grenze entfiele. Die Marsi­aner ohne Wohnsitz in einer Zeitzone hätten die gleiche Zeit. Sie könnten damit leben, daß 86400 Se­kunden fast einem Erdentag entspre­chen, der Marstag Sol aber 40 Mi­nuten länger dauert, denn die Zeit heilt alle Wunden: Auch der Erdentag wird länger. Und wer jetzt voreilig die engli­sche weiße Kolonial­zeit GMT ablehnt, möge bedenken: Der Längen­grad, dessen Orts­zeit mit der TDB überein­stimmt, wandert langsam um die Erde herum.

[1] Rüdiger Soldt: Mekka-Zeit aus Calw. FAZ, 15.02.2012.
[2] Trotz der Ausdehnung Deutsch­lands nach Osten kam es im Dritten Reich nicht zu einer Hochsommer­zeit UTC+3, die mit der Moskauer oder Mekka-Zeit überein­stimmt. Dazu verstieg man sich erst später. Nicht nur in der sowjeti­schen Besat­zungszone, sondern 1947 auch flächen­deckend.

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