Gigantismus
Ich habe immer gerne die Unter­schichten­vernügen besucht, die je nach Landschaft Jahrmarkt, Kirmes oder Rummel heißen, in Frankfurt Dippemess. Im wört­lichen Sinne gibt es letztere seit zwei Jahren nicht mehr, der Dippe­bereich ist geschlossen. Dieses Jahr fehlten auch das Riesenrad und die Achter­bahn. Ältere Menschen sind kaum noch zu sehen, nur noch junge Klein­familien oder Gruppen Jugend­licher. Und davon auch nur noch die Hälfte. Liegt es an den hohen Preisen oder an der Angst?

Kein Riesenrad mehr, aber noch Riesen­attrak­tionen, Riesen­spaß, ein Riesen­feuerwerk und auch Riesen­küsse. Das sind große Schaum­küsse in verschie­denen Farben und Mustern. Noch nehmen die Riesen das hin, proben keinen Zwergen­aufstand wie die Tierschützer gegen das Pony­reiten. Hau den Lukas heißt jetzt nicht etwa Memet, sondern Dampf­hammer. An Eier­laufen kann ich mich nicht erinnern, Dosen­werfen aber gibt es noch. Sogar mit größeren Bällen für Frauen. Zum Ausgleich zahlen sie den gleichen Preis wie Männer und Kinder, nicht 21 Pro­zent weniger.

Prekarioten | N-Wort mit Gazelle

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Die Rheinkirmes mit ihrem Gigantismus habe ich immer gemieden, aber auf das überschaubare Volksfest auf dem hiesigen Dorfplatz gehe ich ganz gerne. Da hat sich an den Buden und Fahrgeschäften in den vergangenen 10 Jahren so gut wie nichts geändert. Ich stelle nur fest, dass ich für so manche Bespaßungszentrifuge nicht mehr fit genug bin.

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Weil mit zunehmenden Alter das Bindegewebe den Quer­beschleu­nigungen stärker nachgibt, bin ich eigent­lich auch nur noch für das Riesenrad geeignet. Und das scheint keinen mehr zu interes­sieren. Daß Sie nicht mehr so fit sind, habe ich natür­lich mitbe­kommen, wollte mich aber nicht einreihen in die Phalanx der Genesungs­wünsche. Deshalb nehme ich diese Gelgen­heit wahr, Ihnen weitere Fort­schritte zu wünschen.

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Vielen lieben Dank! Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass ich auch schon vor der Erkrankung Fahrgeschäfte mit allzugroßer Querbeschleunigung und hoher Umdrehungszahl gemieden habe.

Was ich übrigens auch auf größeren Volksfesten schon lange nicht mehr gesehen (und gerochen) habe, sind Motor-Gokarts. Sind wahrscheinlich verschärften Abgas- und Feinstaub-Normen geopfert worden.

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Je kleiner der Motor, desto schwieriger ist der Betrieb mit Dieselöl. Eigent­lich für Schiffe, Maschinen und Last­wagen gedacht gelangte es auch in normale Autos und wurde zu Vorzugs­preisen an die bedäch­tigen Sparbröt­chen verkauft. Gokarts sind zu klein und fahren mit Benzin, wenn nicht elek­trisch. Auf der Dippe­mess habe ich noch die übliche zweige­schossige Gokart­bahn gesehen, auch gerochen und gehört. Beides könnte natür­lich vorge­täuscht sein. Nach dem einen von Frau Arbo­retum heraus­gesuchten Artikeln ist es aber noch das alte Traditions­geschäft.

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Es gibt kein Riesenrad auf der Dippemess im Herbst, weil sich wegen Personalmangeld im Schaustellergewerbe und der kurzen Dauer der Herbst-Dippemess kein Riesenradbetrieb um die Teilnahme beworben hat. Zeitung lesen macht halt schlauer. ;-)

Und die Keramiker verkaufen ihre Dippe inzwischen mehr online. Das war bereits zur Frühjahrs-Dippemess Thema:

Auf der Dippemess' sind in diesem Jahr nur noch 14 Händler zu finden

Drei Wochen lang locken ein buntes Familienprogramm und Fahrattraktionen mit Nervenkitzel Groß und Klein zur Frühjahrs-Dippemess’ auf den Frankfurter Festplatz. In Folge 4 unserer Serie erzählen Karl und Ronny Seifert, Senior- und Juniorchef des letzten Stands, der sich ausschließlich auf den Verkauf von Keramik spezialisiert hat, wie viel „Dippe“ 2018 noch in der Dippemess’ steckt.


Wenn Angst der Grund wäre, nicht auf die Dippemess zu gehen, wie kommt es, dass sich Familien mit Kindern trotzdem hintrauen? Ältere Menschen sind entweder oft einfach weniger aktiv und bleiben daheim oder sie sind häufig so aktiv, dass sie gar nicht die Zeit haben, alles mitzunehmen - und ein Volksfest verliert halt im Laufe des Lebens auch etwas an Attraktion, weil man schon auf genügend war.

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Vielen Dank für Ihre Hinweise auf die Zeitung­sartikel, die zu lesen zwar schlauer macht, aber leider nicht sehr viel, weshalb ich mich auf die Frank­furter Rund­schau im Bistro beschränke. Da kann ich endlose Sport­seiten über­blättern, ohne sie bezahlt zu haben, jeden­falls nicht direkt.

Daß es kein Riesenrad mehr gibt, hatte ich schon vorher gehört. Personal­mangel liegt nahe. Und während unseres Besuches der Dippe­mess gab ich noch zum besten: Früher hing an jedem Auto­scooter ein Schild "Junger Mann zum Mitreisen gesucht". Viel­leicht sucht man ihn heute immer noch, findet aber keinen, der für wenig Geld nicht nur während der Fahrt Mädchen beein­drucken will, sondern auch auf- und abbauen kann.

Natürlich gehört die Dippemess wie der Zirkus zu den Vergnü­gungen mit abneh­mender Anzie­hungs­kraft, wodurch auch das Angebot dünner wird. Akro­batik verlagert sich in geschlos­sene Räume mit Bewir­tung, Fahrver­gnügen in große Freizeit­parks, Dippe­verkauf ins Internet. Und ich war auch kein guter Kunde. Namens­tassen vergan­gener Jahre und Ehen verstauben im Schrank.

Neben wirtschaftlichen Gründen spielt sicherlich auch Angst eine Rolle. Und sei es nur wegen der vielen Poli­zisten, die nicht mehr in der Menge untergehen. Möglicher­weise leiden ältere Menschen mehr unter dieser Angst oder nutzen sie als Vorwand, nicht mit ihren Enkeln zur Dippe­mess gehen zu müssen. Davon bleiben auch Ausländer nicht verschont, denn deren Groß­familien sind so gut wie verschwunden. Viel­leicht ist es einfach zu teuer.

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Noch öder als in Frankfurt ist es wohl im Darmstadt. Dort kann man als Schau­steller gar nichts mehr verdienen und muß froh sein, die Stand­gebühr zahlen zu können. [1] Gründe gibt es viele: Zu teuer für die einfachen Menschen, zu prollig für die Besser­gestellten, kein Spektakel. Dazu zunehmend angst­besetzt, obgleich weniger gefähr­lich als früher, wenn ich daran zurück­denke, daß in meiner Heimat­stadt sich zum Jahrmarkt stets deutsche Matrosen und ameri­kanische Soldaten zu einer Prügelei trafen.

Stimmt der Eventcharakter, auf daß man unbedingt dabei­gewesen sein muß, dann fallen Absper­rungen mit schweren Beton­blöcken gar nicht auf. Im Vorbei­gehen meine Bemerkung: Nein, es hat sich nichts verändert! Und ja, es gab sie schon früher mit gerin­gerem Gewicht, um die Autos abzu­halten, vor allem große mit einge­bauter Parker­laubnis für einen kurzen Weg zum privilegierten Aussichtsplatz.

Bis zum nächsten Anschlag geschieht dies alles für die Psyche und das Geschäft. Jeder kann sich mit fünf Kilo Spreng­stoff im Rucksack in aller Ruhe eine schönen Stelle aussuchen, um etwa zwanzig Besucher zu töten, die nach Ende der Veran­staltung in alle Rich­tungen drängen und jeden Polizei­einsatz unmöglich machen. Schon wegen der Panik­gefahr muß man die Massen und damit auch den Atten­täter laufen lassen.

So war es auf dem Frankfurter Altstadt­fest. Nicht nur mit Riesen­rad, sondern auch mit Schiffen, von denen man sich eine gute Aussicht auf das Spek­takel mit 110 Drohnen versprach. [2] Nun ja, die künst­lerische Umsetzung auch dieser Technik steckt noch in den Kinder­schuhen. Da macht es nichts, hinter einem Baum neben Johann Wolfgang nur eine Reihe von Logos der Sponsoren gesehen zu haben.

[1] Frank Horneff: "Unterirdische" Bilanz der Darmstädter Herbstmess. Echo, 02.10.2018.
[2] Christoph Manus: Das Konzept hinter der Drohnen-Show. Frankfurter Rundschau, 30.09.2108. Das Bild ist weitgehend gemalt. Kein Publikum, kein Riesenrad, keine Mainschiffe, zu gleichmäßige und zu große Lichtpunkte. Die beigefügte Bildergalerie zeigt die Realität.

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