Kippunkt
Die Google-KI versteht unter einem Kippunkt einen kriti­schen Schwel­len­wert, ab dem sich ein System abrupt, stark und meist unum­kehr­bar verän­dert.

Wenn mein Telefon vibriert und sich der Tisch­kante nähert, dann fällt es irgend­wann runter. Es gelten danach keine ande­ren physi­kla­lischen Gesetze, doch die nähe­rungs­weise Beschrei­bung seines Zustan­des wird eine andere sein. Es kommt zwar von selbst nicht wieder rauf, ich kann es aber auf­heben.

Wenn Wasser gefriert, dann wird es zu Eis, ändert also seinen Zustand und ist eben­falls trotz unver­änder­ter Physik anders zu betrach­ten. Dazwi­schen liegt kein Punkt, aber ein Phasen­über­gang, den man eben­falls zu beschrei­ben versu­chen kann. Er ist sogar umkehr­bar.

Moderne Kippunkte aller­dings machen ihr Geschäft mit der Angst, ein System könne sich plötz­lich und irre­ver­sibel ver­schlech­tern, weshalb es unbe­dingt zu ver­meiden sei, auch nur in die Nähe eines solchen vermu­teten, oftmals nur ein­gebil­deten Punk­tes zu kommen. Das Klima ist voll davon, doch der Golf­strom ist noch nicht zum Erlie­gen gekom­men.

Weil solche Ände­rungen von Angst, Einbil­dung, zuviel Phan­tasie, fal­schen Stu­dien und irra­tiona­len Erwar­tun­gen getrieben sind, heißen sie auch soziale Kip­punkte. Die billig­sten beste­hen einfach im Über­schrei­ten eines will­kür­lich fest­geleg­ten Grenz­wertes wie einer einge­bilde­ten Wider­stands­linie im Aktien­kurs oder noch bil­liger einem runden Zahlen­wert.

Deshalb ist schon lange der 20-30-Kip­punkt im Gespräch. Und nach langem Ver­har­ren unter der Wider­stands­linie hat die AfD heute bei Insa die 30% erreicht, während die CDU schon lange eine Eins vor dem Komma hat. [1] Und das am Tag der offenen Moschee. Ich hoffe der in diesen Kippunkt rein­phan­tasierte Trend hält an.

[1] Das ist auch so eine blöde Rede­wen­dung wie die End­ziffer 06, denn die CDU hat zur Zeit eine Acht vor dem Komma, wenn man Pro­zente und nicht Zehn­tel angibt. Und es wird hof­fent­lich nicht mehr lange dauern, da die AfD diese Eins erreicht.

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Nach einem Monat muß ich sagen, der „in diesen Kippunkt rein­phan­tasierte Trend hält“ nicht an. CDU 20%, AfD 28%. Der Unter­schied ist von 12 auf 8 Prozent­punkte gefallen, also um stolze 4 Prozent­punkte­punkte. Warum? Zum einen war es kein echter Kippunkt, ledig­lich eine überschrittene, rein gedank­liche Schwelle, hinter die man auch ohne Ver­ände­run­gen großer Trag­weite leicht wieder zurück­fallen kann. Zum anderen bemerkte selbst ich, daß es nach der Kon­sti­tuie­rung des Land­tages von Sach­sen-​Anhalt um die AfD recht ruhig wurde. Die alter­native Bericht­erstat­tung lang­weilte mich zuse­hens.

Noch keinen Einfluß können die deut­schen Gen‑Z-​Pro­teste genom­men haben, allen­falls die vorbild­liche Randale im Ausland. Eher glaube ich an die mit Berlin auf­gekom­mene Eupho­rie und auch an Mit­leid gegen­über der CDU, viel­leicht sogar Angst vor ihrem Unter­gang. Wir werden sehen, wie es weiter­geht. Kaum aber vor der Regie­rungs­bil­dung in Sachsen-Anhalt.

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