95 ¢
Ich habe mich nur ungern und selten durch Portale gewühlt, wo die Arbeit auf mich verla­gern. Auch bei Amazon und Kon­sor­ten habe ich dieses Jahr noch nichts bestellt. Da viele auch keine elek­troni­sche Anschrift nennen, schrieb ich gele­gent­lich an das Impres­sum. Doch vor zwei Wochen habe ich wieder 95 Cent inve­stiert, um mich schrift­lich zu bekla­gen, denn ein Brief muß abge­legt, andern­falls zumin­dest gescant werden, ist also schlecht zu igno­rieren.

Ab heute Nach­mitag werde ich davon regel­mäßig Gebrauch machen, auch wenn die soeben be­schlos­sene Chat-​Kon­trolle mehr auf das zielt, was man auf dem Mobil­tele­fon ver­schie­denen Kom­muni­kations­dien­sten anver­traut, denn was ich hier schreibe, kann so und so jeder­mann lesen, sollte es sogar, macht es aber immer weniger. Sollte ein selbst­ernann­ter Tugend­wächter wie auf Twitter gesche­hen, etwas bean­standen, kann er zumin­dest eini­ger­maßen im Recht ohne wei­teres meine Iden­tität ermit­teln lassen. Es würde sich nicht lohnen, denn ich bin so alt, daß jede Drohung verpufft.

1948 über­schätzte George Orwell die Mög­lich­keiten des Jahres 1984 mit der Vor­stel­lung, man könne dann Menschen flächen­deckend elek­tro­nisch über­wachen. Aber numehr ist die Zeit gekommen, da man über die Kapa­zitä­ten verfügt, jedes Wort auf ewig zu spei­chern, und den Zeta­byte-​Wust in kurzer Zeit ordnen, Unbot­mäßig­keiten ausson­dern, ja voll­stän­dig neu durch­forsten kann. Und was 1984 noch geheim geschah, greift nun scham­los vor aller Augen um sich: Offen­sicht­liche Ver­fahrens­tricks wie Drei­fach­abstim­mung, Eil­ver­fah­ren, Sommer­pause und nega­tive Mehr­heit nebst Druck auf Abweich­ler, wenn nicht gar Beste­chung. Die Guten sind so gut, sie müssen sich nicht an Sitte, Anstand, gar Recht halten.

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