Todesstrafe
Heute darf ich darüber abstimmen, ob in einem unab­hängigen Hessen weiterhin auf der Basis eines einfachen Gesetzes zum Tode verur­teilt werden darf. Bisher scheute man eine Verfas­sungs­ände­rung, weil sie der Zustim­mung des hessi­schen Volkes bedarf. Ich gehe davon aus, daß sie heute erreicht wird, nachdem mehrere Genera­tionen darüber einen Schul­aufsatz zu schreiben hatten, um nach pseudo­wissen­schaft­licher Abwägung von pro und contra zur Erlangung einer mehr als befriedi­genden Note sich gegen die Todes­strafe auszu­sprechen.

Ich bin dankbar für diese Abstimmung, weil sie mich mit der Gegen­wart versöhnt. Bisher dachte ich, die Indok­trination der Bevöl­kerung, insbe­sondere der Schüler durch Lehrer edler Gesin­nung, die strom­linien­förmig den Bildungs­auftrag der Obrig­keit umsetzen, sei eine neue Erschei­nung und habe es seit 1945, zumin­dest 1968 nicht mehr gegeben. Dem ist nicht so. Es gab schon immer Gehirn­wäsche. Heute Flücht­linge, gestern Todes­strafe.

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Dass mit dem Schulaufsatz stimmt leider. Mein bester Freund hat mal in "Werte und Normen" in einer Klausur für die Todesstrafe argumentiert. Hat ne vier oder fünf bekommen, trotz technisch einwandfreier Argumentation. In dieser Beziehung sind wir damals indoktriert worden. Ich bin gegen die Todesstrafe, aber ich habe mich auch mit den Argumenten der Gegenseite beschäftigt.

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Was ist denn das für ein Fach, "Werte und Normen"? Wir haben den Aufsatz zur Todes­strafe im Deutsch­unterricht verfaßt. Da hätten eigent­lich Recht­schreibung, gute Sprache und strin­gente Darstel­lung im Vorder­grund stehen müssen. Doch waren die Lehrer damals so unfrei wie heute. Wenn sie für die Todes­strafe waren, haben sie es den Schülern gleich besser nicht gesagt. Noch wich­tiger war, eine Nazi- Vergan­genheit zu ver­schweigen.

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Das Fach gab es Mitte der Achtziger bei mir in Niedersachsen auf dem Gymnasium als Alternative zu Religion. So was wie Ethik. Der Lehrer war aber so schlecht, dass ich ein Jahr später lieber wieder den lustigen Geschichten des Schulpastors gelauscht habe, denen ich zum Teil sogar noch glaubte, da ich erst nach dem Abitur langsam zum Atheismus hinüber diffundierte, Tröpfchen für Tröpfchen.

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Da war ich im Nachbarland seit der zweiten Klasse besser dran: Lehrmittel­freiheit, selbst Schul­hefte wurden gestellt, und gegen Ende nur Religions­kunde. In den unteren Klassen gab es auch unbenoteten Religions­unterricht, in dem eine falsche Meinung wenig­stens keine schlechte Note nach sich zog. Eine Alter­native wie Ethik habe ich damals nicht wahr­genommen, gab es wohl auch nicht. Ich nehme an, man konnte sich vom Fach Religion befreien lassen, nicht nur als Atheist. Heut­zutage geht das auch mit Schwimmen, nicht nur als Roll­stuhl­fahrer.

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Wir hatten immer Noten in Reli. Ich war sogar so dämlich und habe Reli als drittes Prüfungsfach im Abi gehabt. Fast wäre sogar ein Reli-Leistungskurs zustande gekommen in unserem Jahrgang. Eine baptistische Schülerin hat sich sehr dafür eingesetzt, hat dann aber doch nicht geklappt. Sie war ne ganz Nette, hat mir mal ein Neues Testament in Bild und Wort geschenkt, weil sie dachte, vielleicht hilft das gegen meine Depression. LOL. Die Schwester war die Wixvorlage von allen hetero Jungs. Alle nannten sie nur Pamela Huismann (Nachname geändert;)) von wegen Baywatch. In der Grundschule wurden einige Schüler vom Religionsunterricht befreit, ich weiß gar nicht mehr, wie das auf dem Gymnasium war, ich konnte wählen zwischen W&N und Reli und in der Oberstufe glaube ich auch ganz ohne moralischen Kompass zum Abi marschieren. Wenn ich an diesen bekloppten Spruch von dem Bedford-Strohm denke, als vor einigen Jahren diese ProReli Aktion in Berlin war, wo es um irgendwas wichtiges mit Religionsunterricht ging..."Keine Werte ohne Gott!" hatten die da auf Plakaten in der Ubahn. Ansonsten geben sich die Protestanten ja nicht so fundamentalistisch, aber das hätte so direkt auch von den Evangelikalen, Baptisten oder Zeugen Jehovas kommen können. In meinen Augen ist das ne ziemlich verlogene Mischpoke. Ich bin froh, dass ich mit dem Pack nix mehr zu tun habe.

Das mit dem Schwimmen ist ne Sauerei, das Eltern ihren Kindern das verbieten können, wo es doch für jedes Bekenntnis die passende Badekleidung gibt! In diesem ganz spezifischen Punkt würde ich sagen das Wohl des Kindes wiegt schwerer als das Recht auf Religionsausübung der Eltern. Letztendlich wird man aber keine Kinder zwingen können, die bleiben dann einfach zuhause und es ist ihnen nicht geholfen, wenn man da Sanktionen verhängt. Ne Schweinerei ist es trotzdem. Soviel Aufklärung verlange ich schon von den Leuten, dass die kapieren, dass ihre Kinder wichtiger sind als ihr beschissener Oberguru. Religiöse Toleranz finde ich sehr wichtig. Hier hat meine Toleranz jedoch eine Grenze.

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Während über die Ergebnise der Parteien und Wähler­wande­rungen am Wahltage bis Mitter­nacht berichtet wird, gibt es zu den Volks­abstim­mungen über 15 Gesetze zur Änderung der hessi­schen Verfas­sung erst heute Ergeb­nisse. Leider konnte ich keiner Veröf­fentli­chung entnehmen, wieviele Wähler der Gesamt­palette pauschal zustimmten. Als ich diese Möglich­keit A zur "Einheit­lichen Abstim­mung" sah, dachte ich spontan: Da hat man die Abschaf­fung der Todes­strafe mit 14 wei­teren Themen garniert, um von der Bequem­lichkeit zu profi­tieren. So gelangen stolze 83 Pro­zent für die Abschaf­fung, nachdem man Jahr­zehnte eine Änderung der Verfas­sung aus Angst vor dem Votum der Bürger scheute.

Trotzdem ist mancher noch unzu­frieden, weil nur die euro­päische Inte­gration, die elektro­nische Gesetzes­verkün­digung und vor allem die Herab­setzung des passiven Wahl­alters weniger Zustim­mung erlangten. Flugs ist man auch dabei, eine Korre­lation mit dem Abschneiden der AfD zu erkennen. Dazu benö­tige ich keine Rechnung, die leuchtet mir auch so ein, denn selbst­verständ­lich tummeln sich unter den Anhän­gern der AfD nicht nur Leute, die sich eine vernünftige Flücht­lings­politik wünschen, sondern auch viele mit radi­kalem Gedan­kengut, die vor 50 Jahren noch die CSU des Bundes­justiz­mini­sters Richard Jaeger mit dem schönen Spitz­namen "Kopf-Ab-Jaeger" hätten wählen können.

Was erwartet man? Daß 95 Pro­zent für die grund­sätzliche Abschaf­fung der Todesstrafe stimmen, die weit über ein Jahr­hundert nicht voll­streckt wurde und auch erst dann wieder möglich wäre, wenn Hessen aus dem Bund austräte und die entspre­chenden Gesetze erließe? Die erreichten 83 Pro­zent über­treffen meine Erwartungen. Natür­lich bin auch ich mit der Möglich­keit B, der "Einzel­abstim­mung" darunter, obgleich mir die Formu­lierung "Die Todesstrafe ist abgeschafft" in zweierlei Hinsicht miß­fällt: Zum einen ist eine Verfas­sung kein Geschichts­buch, zum anderen gibt es weitere unmensch­liche Strafen. Ich hätte bevorzugt: "Die Todes­strafe, Verstüm­melungen und die Prügel­strafe sind verboten."

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