vier
Auch die Zahl 4 gilt als heilig. Warum eigentlich? Als Nachfolger und damit Erhöhung der 3? Als ein heiliges Dreieck samt Mittelpunkt, evtl. in Form einer Dreieckspyramide oder gar eines Tetraeders? Oder um 7=3+4 und 12=3·4 als heilig zu rechtfertigen? Schon eher, weil wir uns auf der zweidimensionalen Erdoberfläche bewegen. Die bei kleinen Entfernungen nahezu recht­winklige Aufteilung nach Längen- und Breitengraden dieser n=2 Dimensionen mit seinen 2·n=4 Himmelsrichtungen führt auf fast recht­eckige Trapeze mit gleichfalls 2^n=4 Ecken. Und es ist nicht nur 4=2+2=2·2=2^2, sondern auch auch 2^4=4^2.

Gerne wird mit einem Seitenhieb auf die Computer, die angeblich nur zwei Zustände kennen, auf die Leistung der vier Richtungen links, rechts, oben und unten verwiesen, die Ordnung und Beschreibung der Welt erst ermöglichen, wie man es auf einem Blatt Papier tut. Doch weist dieser mit einem Editor geschriebene Text selbst schon auf die Kurz­atmigkeit einer solchen Argumen­tation hin. Als reine Textdatei besteht er aus einer eindimen­sionalen Kette von Zeichen, die nur die zwei Richtungen, vor und zurück kennt, gleichwohl er mit Rücksicht auf die Gewohnheiten des Menschen zur zweidimen­sionalen Darstellung bestimmt ist. Wären die Menschen vierdimen­sional und hätte die Erd­oberfläche dann drei Dimensionen, würden wir für Landkarten ebensolches Papier mit sechs Richtungen verwenden und meinen, vier seien im allgemeinen nicht ausreichend.

Manche meinen, in der Natur gäbe es eine Bevorzugung der Zahl vier. Das mag sein, doch belegt man das nicht durch zusammen­geraffte Vierheiten bis hinein in die menschliche Seele. Vielmehr liegt es an dem schlichten Umstand, daß wir uns auf einer zweidimen­sionalen Erdoberfläche bewegen. Und die daraus resul­tierende Bedeutung der Zahl 4 aus den vier Himmels­richtungen wird sicherlich von keinem geleugnet, zumal die naheliegende orthogonale Teilung der euklidischen Ebene auf Rechtecke führt. Und die haben nicht nur vier Seiten und vier Ecken, sondern teilen den Kreis auch noch in vier rechte Winkel.

Wer meint, die vier Jahreszeiten, die vier Phasen des Mondes, die vier Dimensionen des Myers-Briggs-Typindikators (ich bin ENTJ) oder die vier Elemente seien von den vier Himmels­richtungen unabhängige Vorkommnisse der Zahl vier, begeht den schlichten Fehler, seine bevorzugte Gliederung der Natur in vier Teile als wirklich in ihr angelegt zu sehen. Da kommt es natürlich gelegen, wenn es wirklich vier Geschmacks­richtungen gibt. Glücklicher­weise war den Spintisierern früherer Jahrhunderte die Bedeutung von Adenin, Guanin, Cytosin und Thymin für die genetische Information unbekannt. Wenn heute Douglas R. Hofstadter Beziehungen zwischen der DNS und dem Rest der Welt herstellt, dann hat das eine ganz andere Qualität.

Sehr konstruiert wirken auch alle Versuche, die Zahl 4 als Erhöhung, Ergänzung oder Fortführung der 3 zu sehen. Wenn man den drei Mondphasen, zunehmend, voll und abnehmend, noch den Neumond hinzugefügt hat, wenn einem nach den drei Zuständen, fest, flüssig und gasförmig das Plasma gerade recht kommt, wenn man die Dreiheit von Seele, Geist und Wille durch den Körper oder die von Seele, Geist und Körper durch den Willen ergänzt, so ist das alles Ausdruck von Zufall und Beliebigkeit. Das vier­blättrige Kleeblatt besticht auch nicht dadurch, daß es ein Blatt mehr hat, sondern durch seine Seltenheit und die Recht­winkligkeit, die es optisch vom drei­blättrigen absetzt.

Nach dem allgemeinen Schema ist die 4 als gerade Zahl weiblich. Und so verwundert es, daß manche Esoteriker sie als neutral, also geschlechtslos einstufen, dann aber sofort auf die außer­ordentliche Weiblichkeit hinweisen, die durch die vier Phasen des für sie weiblichen Mondes entstehe. Männlich könne er nicht sein, weil er den Frucht­barkeits­zyklus regiere. Das ist im Grundsatz interessant, doch kommt die 4 nur über die Willkür­lichkeit der Teilung des 29,5-tägigen Mondumlaufes und damit auch des Frucht­barkeits­zyklusses in vier Phasen ins Spiel. Die Abfolge Neumond, zunehmend, voll, abnehmend ist nicht verwunder­licher als unten, rauf, oben, runter.

3 | 5 | Quadratzahlen | Vierteilung | Viererbande | Geschlecht

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