Ethnomathematik
Gestern las ich in in einer Mathematik-Gruppe etwas zur Frage, ob Mathe­matik rassi­stisch sein kann. Natürlich ging es gleich um 1+1=3 und sofort waren Charak­teri­stik 2 und andere Spaß­bei­träge nicht weit. Was soll man sonst auch dazu sagen? Und prompt bietet Google-​News mir heute einen Artikel über Ethno­mathe­matik zum Kauf an. Deshalb habe ich die allwis­sende Müllhalde bemüht und gelesen, daß es schon ein halbes Jahr­hundert Ethno­mathe­matik gibt. Es hätten wie bei Erbbio­logie und Rassen­hygiene auch mehr als hundert Jahre sein können, wenn man schon früher das Bedürfnis verspürt hätte, sich wichtig zu machen, Lehr­stühle zu besetzen und eigenen Wissen­schafts­zweig zu begründen.

Gegen ein Oberseminar zu ethni­schen Aspekten im Rahmen der Geschichte der Mathe­matik ist nichts einzu­wenden, wenn ich auch das Wort "ethnisch" weg­lassen würde, da es darauf abhebt, Art und Umfang der Mathematik hinge von der Ethnie oder gar der Rasse ab, nicht vom Wissens­stand, den reli­giösen und poli­tischen Rahmen­bedin­gungen, den Lebens­umständen, dem Wohlstand, der Muße und anderen Feldern der Erkennt­nis. Es sind doch gerade Mathe­matiker, die sich für Zahlen, Rech­nereien, Geome­trie, Kalender und Astro­nomie unserer Vorfahren interes­sieren und ihre Leistun­gen würdigen, wozu viele Weiß­seins­forscher gar nicht in der Lage sind.

Wenn man als Blödmann der Meinung ist, es gebe unter fremden Völkern eine andere Mathe­matik zu entdecken, so ist das seinem naiven Verständ­nis von anders oder seinem unbän­digen Ver­langen nach über­legener Anders­artig­keit geschul­det. Es mag eine andere Art, eine andere Sicht­weise, eine andere Vorstel­lung, eine andere vermu­tete Verbin­dung der Zahlen mit der Welt vorlie­gen, aber keine andere Mathe­matik. Sie ist für alle Menschen und Außer­irdische gleich, auch wenn sie eine andere Tiefe, andere Schwer­punkte hat, in anderer Darstel­lung und Nota­tion erscheint. Ich bin nie auf die Idee gekommen, russi­sche Mathe­matik sei schlechter, weil ich mit deren Lite­ratur in DDR-Über­set­zung Schwierig­keiten hatte.

Ein bißchen erinnert mich die Ethno­mathe­matik an die Blüte der weichen W-Wissen­schaften, darunter auch die Wirt­schafts­mathe­matik. Gerne darf man sie so nennen, wenn darin mathe­mati­sche Methoden zum Ver­ständnis der Wirt­schaft genutzt werden. Auch wenn umge­kehrt versucht wird, mathema­tische Methoden speziell für die Wirt­schaft zu ent­wickeln, meinet­wegen auch in der Mathe­matik wirt­schaft­lich zu denken. Letz­teres ist ja auch gut gelungen, weil man durch den W-Präfix an Gelder gekommen ist, die man im Fach­bereich Wahr­schein­lich­keits­theorie gerne genommen hat. Es ist natür­lich eine Ver­suchung, wenn man für Ethno­mathe­matik, kriti­sche Zahlen­theorie, Moral-Infor­matik, Computer-Hygiene, abstrakte Haltungs­theorie und Exo-Geome­trie, Geld, Lehr­stühle, Ruhm oder gar Nobel­preise bekommen kann.

Immer mehr Saubermänner wollen nicht nur die Mathe­matik vom Rassis­mus befreien, sondern die gesamte Welt, Wissen­schaft und Technik, insbe­sondere die Raum­fahrt. So wollte die Tages­schau anläßlich der Landung der letzten Mars­sonde Viel­falt zeigen und wies darauf hin, daß es nun auch eine „islami­sche Rakete“ gäbe. Gemeint war wohl die Sonde der Arabi­schen Emirate, die von einer japani­schen Rakete in eine Mars-​Umlauf­bahn gebracht wurde. Die ist so isla­misch wie der Burj Kha­lifa. Wer sich für poli­tisch korrekt hält, die Haupt­stadt von Portu­gal Lizha­bon nennt und Studie­rende demon­strieren sieht, sollte Nach­richten vor ihrer Ver­lesung viel­fältiger prüfen.

Ich bin ein alter weißer politsch inkorrekter cis-Mann, nenne Lissabon Haupt­stadt von Por­tugal, habe noch einen Studen­ten­ausweis und hatte „Mathe­matik in den Ländern des Islam“ [1] vertei­digt, gleich­wohl mit der griechi­schen, äypti­schen, mittel­alter­lichen Mathe­matik etwas korrekter von Völkern und Zeit­altern die Rede ist. Die Griechen litten unter einer mise­rablen Zahl­schreib­weise und malten gerne Bilder. Das sollten Moslems meiden und wurden große Rechen­künstler. Alle arbei­teten unter verschie­denen Voraus­setzungen, erzielten andere und früher auch weniger tief­liegende Ergeb­nisse. Doch eine andere Mathe­matik wegen einer abweichen­den Ethnie gab und gibt es nicht.

Die gegenwärtige Betonung von Ethno­mathe­matik ist für mich ein Zeichen zeit­geist­lichen Kampfes gegen den von uns Weißen versprühten Mikro­rassis­mus, der auch die mathema­tischen Leistun­gen fremder Völker gering­schätzt. Gerne kann dieser Verdacht unter­sucht und erhär­tet werden, doch ist das für mich keine Ethno­mathe­matik, weil es sich nicht um Mathe­matik handelt. Es würde mich nicht wundern, wenn diese Diszi­plin eines Tages auch die Aner­kennung fehler­hafter Ergeb­nisse verlangt, sofern sie aus exoti­scher Feder stammen. [2]

[1] Hans Wußing: 6000 Jahre Mathematik. Band 1: Von den Anfängen bis Leibniz und Newton. Springer, Berlin Heidel­berg 2008. Seite 41ff. Von mir bereits im Jahre 2018 unter dem Titel „Mathe­matik des Islam“ erwähnt.

[2] Mohammed-Reza Mehdinia: The Correct Value for π. Von mir bereits im Jahre 2006 zum 414. Geburtstag der Kreis­zahl erwähnt.

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