Ägyptische Brüche
Wenn einer eine Haus- oder Knobel­aufgabe hat, landet er mitunter über Google bei mir. So lese ich heute die Anfrage „schreibe zwei neuntel auf drei verschiedene weisen als Summe“. Gemeint sind wohl die Lösungen der Gleichung
2   1   1
− = − + −
9   a   b
mit natürlichem a und b. Das ist gleich­bedeutend mit 2ab=9(a+b), weshalb a oder b durch 9 oder a und b durch 3 teilbar sein müssen. Es tritt immer der erste Fall ein, denn mit a=3m und b=3n ergibt sich 2mn=3(m+n), womit m oder n ein Viel­faches von 3, also a oder b durch 9 teilbar sein muß. Falls b=9n, ergibt sich 2an=a+9n und daraus
     9n
a = −−−−
    2n-1
Da 2n-1 und n teilerfremd sind, muß 2n-1 ein Teiler von 9, also 1, 3 oder 9 sein.
2n-1  n    b   a
  1   1    9   9
  3   2   18   6
  9   5   45   5
Damit sind die drei Lösungen
2   1   1   1    1   1    1
− = − + − = − + −− = − + −−
9   9   9   6   18   5   45
ermittelt, denn der verbleibende Fall a=9m ergeben selbstverständlich die gleichen Lösungen mit vertauschten Summanden. Zählt man sie mit, sind es nicht drei, nicht sechs, sondern fünf Darstellungen.

Als Übungsaufgabe verbleibt die Frage, auf wieviele und welche Weisen sich ein Neuntel als Summe zweier Kehr­werte natür­licher Zahlen darstellen läßt.

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Das Internet nimmt dem modernen Menschen ja gerne die Arbeit ab. Einfach 2/9 eingeben [1], und schon ist das Ergebnis da:

­Zerlegung in Stammbrüche

[1] Arndt Brünner: Die Ägyptische Darstellung von Brüchen mit Stammbrüchen.

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Wie die Ägypter mit ihren komischen Brüchen rechnen konnten, ist mir völlig unklar. Sie haben wohl mehr geschätzt. Mit der Zahl π nahmen sie es auch nicht sehr genau. Wenn sie in den Pyramiden versteckt ist, dann nur ungefähr.

Will man einen Bruch, der nicht zu groß sein sollte, als Summe von Stamm­brüchen dar­stellen, so kann man zunächst den größt­mögli­chen abziehen und dann mit der Diffe­renz in gleicher Weise fort­fahren, bis der Rest selbst ein Stamm­bruch ist. Ein Beispiel:

4/13 liegt zwischen 1/3 und 1/4
deshalb: 4/13 − 1/4 = 3/52
3/52 liegt zwischen 1/17 und 1/18
deshalb: 3/52 − 1/18 = 1/468
also: 4/13 = 1/4 + 1/18 + 1/468

Mit diesem schlichten Verfahren kommt man immer zu Potte, da die verblei­benden Zähler immer kleiner werden [1], bis letztlich 1 bleibt. Überraschen­derweise geht das oftmals recht schnell, kommt zumeist aber nicht auf die geringste Summan­denzahl oder die klein­sten Nenner. Im Beispiel ist 4/13=1/4+1/26+1/52 viel schöner.

Die Frage, wieviele Stamm­brüche benötigt werden, ist keines­wegs trivial. Doch für m=1,2,3 ist m/n leicht zu zerlegen, auch wenn die Wieder­holung von Summanden verboten ist. Der Fall m=1 ist trivial, denn der Bruch m/n ist bereits ein Stamm­bruch. Der Fall m=2 ist ebenfalls einfach. Ist n=2k gerade, so ist n/m kürzbar und natür­lich 2/m=1/k. Für ungerade n sind immer zwei Summan­den erforder­lich und auch ausrei­chend, selbst wenn Ver­schieden­heit gefor­dert wird, also 2/n=1/n+1/n nicht in die Tüte kommt:
 2     1      1
−−−− = − + −−−−−−−
2k−1   k   k(2k−1)

2/3 = 1/2 + 1/6
2/5 = 1/3 + 1/15
2/7 = 1/4 + 1/28
2/9 = 1/5 + 1/45
Für m=3 ist ebenfalls neben der trivialen Zerlegung 3/n=1/n+1/n+1/n eine in drei verschie­dene Stamm­brüche möglich. Der Fall n=3k ist uninter­essant, weil ein kürzbarer Bruch 3/n=1/k vorliegt. Alle anderen erfordern offen­sicht­lich minde­stens 2 Summanvden. Für gerade n=2k gelingt das trivial mit 3/n=1/k+1/n. Auch für unge­rade n=2k−1 kommt man über 3/n=2/n+1/n zu drei Summan­den, weil die Zerle­gung von 2/n in zwei ja bereits bekannt ist:
 3      2      1     1      1       1
−−−− = −−−− + −−−− = − + −−−−−−− + −−−−
2k−1   2k−1   2k−1   k   k(2k−1)   2k−1

3/5  = 1/3 + 1/5  + 1/15
3/7  = 1/4 + 1/7  + 1/28
3/11 = 1/6 + 1/11 + 1/66
3/13 = 1/7 + 1/13 + 1/91
Nun die interessante Frage: In welchen Fällen benötigt 3/n nur zwei Summanden? Die trivialen Fälle n=6k+l mit l=0,2,3,4 sind bereits erledigt. Und auch n=6k−1 ist einfach:
 3      1      1
−−−− = −− + −−−−−−−−
6k−1   2k   2k(6k−1)

3/5  = 1/2 + 1/10
3/11 = 1/4 + 1/44
3/17 = 1/6 + 1/102
3/23 = 1/8 + 1/184
Der verbleibende Fall n=6k+1=7,13,19,25,… ist schwieriger, weil die Abspal­tung des größt­mögli­chen Stamm­bruches einen recht großen Rest läßt. Trotzdem geht es manchmal:
3/25  = 1/10 + 1/50
3/55  = 1/20 + 1/220  = 1/22 + 1/110
3/85  = 1/30 + 1/510  = 1/34 + 1/170
3/115 = 1/40 + 1/920  = 1/46 + 1/230
3/121 = 1/44 + 1/484
3/145 = 1/50 + 1/1450 = 1/58 + 1/290
3/175 = 1/60 + 1/2100 = 1/70 + 1/350 = 1/100 + 1/140
3/187 = 1/66 + 1/1122 = 1/68 + 1/748
Für diese 3/n hat n einen Faktor d=6l−1, der Grundlage der Zerlegung in zwei Summenden ist. Zum Beispiel n=175=5·5·7. Dessen Faktoren d=6l−1 sind 5 und 35, woraus sich
3/175 = (3/5)/35 = (1/2+1/10)/35  = 1/70  + 1/350
3/175 = (3/35)/5 = (1/12+1/420)/5 = 1/60  + 1/2100
3/175 = (3/35)/5 = (1/14+1/70)/5  = 1/70  + 1/350
3/175 = (3/35)/5 = (1/20+1/28)/5  = 1/100 + 1/140
ergibt. Was ist aber mit den n=6k+1, die keinen Faktor der Form 6l−1 haben, deren Faktoren also alle von der unangenehmen Art 6l+1 sind? Sie alle erfordern drei Summanden. Es gilt nämlich [2]:

m/n=1/x+1/y wird durch natürliche m,n,x,y genau dann erfüllt,
wenn n zwei Teiler a und b hat, deren Summe a+b von m geteilt wird.

Hier interessiert nur der Fall m=3. Für gerade n (a=1,b=2), für durch drei teilbare n (a=3,b=n) und für n=6k−1 (a=1,b=n) ist a+b als Vielfaches von m=3 möglich, womit zwei Summanden reichen. Es bleibt wieder der schwierige Fall n=6k+1. Hat n einen Prim­faktor d=6l−1, so können a=1 und b=m mit durch m=3 teilbarem a+b=1+m=6l gewählt werden. Sind dagegen alle Primfak­toren vom Typ 6l+1, so auch jedes a und jedes b, deren Summe deshalb nicht durch 3 teilbar ist. Damit gilt zusammen­fassend:

Die Darstellung von 3/n als ägyptischer Bruch
ist mit drei verschiedenen Stammbrüchen möglich.
Diese Maximalzahl ist genau dann erforderlich,
wenn n nur Primfaktoren der Form 6l+1 aufweist.

Damit sind die ersten unangenehmen Fälle [3]:
3/7  = 1/4  + 1/7   + 1/28
3/13 = 1/6  + 1/26  + 1/39
3/19 = 1/8  + 1/38  + 1/152
3/31 = 1/12 + 1/124 + 1/186
3/37 = 1/15 + 1/111 + 1/185
3/43 = 1/18 + 1/86  + 1/387
3/49 = 1/28 + 1/49  + 1/196
3/61 = 1/24 + 1/183 + 1/488
3/67 = 1/24 + 1/536 + 1/804
3/73 = 1/28 + 1/292 + 1/511
3/79 = 1/30 + 1/395 + 1/474
3/91 = 1/70 + 1/91  + 1/130
Natürlich sind das nicht die einzigen Möglichkeiten. In keinem Falle ist die Zerlegung dabei, die immer den größten Stamm­bruch auswählt, also vorne den kleinst­mögli­chen Nenner aufweist. Vielmehr habe ich versucht, die Zerle­gungen anzu­geben, deren größter Nenner minimal ist. Nicht zufällig haben diese viele Faktoren, insbe­sondere gerne die Lieblinge 4,6,10,12,30,… der Ägypter, denn auch sie hatten bemerkt, daß sich mit den Fak­toren von 60 gut rechnen läßt.

[1] Arndt Brünner: Die Ägyptische Darstellung von Brüchen mit Stammbrüchen.

[2] William A. Webb: On 4/n=1/x+1/y+1/z. Proceedings of the American Mathematical Society 25/3 (1970).

[3] Encyclopedia of Integer Sequences. A004611.

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Meine Überle­gungen zum Fall n=6k−1 gelten in der gleichen Weise auch für den allge­meineren n=3k−1, was die Formel verein­facht und für die nun einge­schlos­senen geraden n ober­halb von 2 eine zweite Zerle­gung liefert:
 3     1      1
−−−− = − + −−−−−−−
3k−1   k   k(3k−1)

3/5  = 1/2 + 1/10
3/8  = 1/3 + 1/24  = 1/4  + 1/8
3/11 = 1/4 + 1/44
3/14 = 1/5 + 1/70  = 1/7  + 1/14
3/17 = 1/6 + 1/102
3/20 = 1/7 + 1/140 = 1/10 + 1/20
3/23 = 1/8 + 1/184
3/26 = 1/9 + 1/234 = 1/13 + 1/26
Die sind beileibe nicht die einzigen. So gibt es für 3/14 eine dritte Zerle­gung in zwei Stamm­brüche und für 3/20 nicht nur vier, sondern auch noch eine mit klei­neren Nennern:
3/14 = 1/6 + 1/21
3/20 = 1/8 + 1/40 = 1/12 + 1/15
Auch der Fall n=6k+1 läßt sich auf n=3k+1 verall­gemeinern, wenn eine bei­läufige Arguen­tation beachtet wird, auf die ich unbedingt hin­weisen will. Sie soll beispiel­haft sein für die vielen Stellen, an denen trotz formaler Argumen­tation schnell eine kleine Unge­nauig­keit mit möglicher­weise großen Folgen ein­fließen kann.

Ich bemerkte, daß auf der Basis vorange­hender Überle­gungen eine Zerle­gung von 1/n in zwei Summan­den möglich ist, falls n=6k+1 einen Faktor d=6l−1 aufweist, und fuhr wört­lich fort: „Sind dagegen alle Prim­fak­toren vom Typ 6l+1, […]".

Das unscheinbare Wort „dagegen“ tut so, als gäbe es gar keine Alter­native. Könnte es nicht einen dritten Fall geben? Gibt es keine n=6k+1, die noch einen anderen Faktor als vom Typ 6l±1 aufweisen?

Die gibt es wirklich nicht, weil 2 und 3 als Prim­faktoren von 6k+1 aus­scheiden und alle übrigen Prim­zahlen vom Typ 6l±1 sind. Und egal, wie man diese Prim­faktoren multi­pliziert, das Ergebnis bleibt immer vom gleichen Typ.

Auch für n=3k+1 bleibt diese Argumen­tation richtig. Sie ist sogar ein­facher: Neben den natür­lichen Zahlen d=3l±1 gibt es nur noch welche vom Typ d=3l, die als Faktoren von n aus­scheiden, weil n nicht durch 3 teilbar ist.

Es hat mich nicht ruhen lassen, ob ich statt n=6k±1 nicht lieber n=3k±1 hätte betrachten sollen, zumal 3 gegen­über 6 doch die klei­nere Zahl ist. Zwei Argu­mente aber sprechen für die 6: Zum einen zerfallen die unkürz­baren Brüche 3/n in drei disjunkte Klassen n=2k, n=6k+1 und n=6k−1. Zum anderen sondert n=6k±1 eine kleinere Grund­gesamt­heit aus, die oftmals das Denken und die Suche nach Bei­spielen verein­facht.

Auch hier sollte der geneigte Leser nicht auf suggestive Argu­mente rein­fallen. Es wird die 3 abqua­lifi­ziert, weil die Fälle n=2k, n=3k+1 und n=3k−1 nicht disjunkt sind. Nur wäre der Fall n=2k dann entbehr­lich und es wären sogar alle 3/n in nur drei disjunkte und dazu noch triviale Klassen n=3k, n=3k+1 und n=3k−1 geteilt.

Formal mag die 3 der 6 überlegen sein. Die 6 aber ist mensch­licher, denn es entspricht unserem Denken mehr, zunächst die einfachen Fälle auszu­scheiden, um dann nur noch die rest­lichen zu betrachten. Und es geht ja auch bei formalen Über­legungen nicht nur um Rich­tigkeit und Spar­samkeit, sondern auch um Ver­ständnis.

Wenn ich später die Brüche 4/n betrachten werde, stehe ich wieder vor der Wahl, die Fälle 4k±1 oder lieber 12k±1 und 12k±5 zu unter­scheiden. Und dann werde ich mich wohl für die 4 und gegen die 12 ent­scheiden, weil sich gegenüber 3 und 6 die Gewichte verschoben haben. Die Aufspal­tung von 3k±1 in 6k±1 und 6k±4 erhöhte die Fallzahl nicht, da die letzteren als bereits behandelt und trivial ausschieden. Die Aufspal­tung von 4k±1 in 12k±1, 12k±5 und 12k±9 aber hinterläßt doppelt soviele Fälle, weil nur die zu 12k±9 ent­fallen.

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