Der unheimliche Eisberg A68
„Einer der größten jemals gesich­teten Eisberge hat sich von der Ant­arktis gelöst. Die Ablö­sung könnte das Eis­schelf nach­haltig destabi­lisieren – wodurch ein Anstieg des Meeres­spiegels drohen könnte.“ Nach dieser Ver­doppe­lung der Bild­unter­schrift mit zwie­fachem ‚könnte‘ beginnt der eigent­liche Artikel [1] von Caro­line Ring zum Eis­berg A68 mit einer überstei­gerten aber­mali­gen Wieder­holung: „Ein gigan­tischer Eis­block ist von einer Eis­platte in der Ant­arktis abge­brochen. Damit geht eine wichtige Stütze für die Platte verloren. Sollte sie kolla­bieren, droht Drama­tisches.“ Die Dreizahl macht es deutlich.

„Wann genau sich A68 selbst­ständig machte, kann niemand sagen. Auch nicht Martin O'Leary, obwohl er einer der ersten war, die von dem neuen gigan­tischen Eisberg erfahren haben.“ Ja, so ist das: Wann der Mord geschah, konnte der Kom­mis­sar nicht sagen, obwohl er schnell am Tatort eintraf. Und von dem ist O'Leary weit ent­fernt, denn „der Gletscher­forscher von der Univer­sität Swansea läuft in der walisi­schen Haupt­stadt an der Küste entlang, die Möwen krei­schen über ihm, während er von dem Spek­takel erzählt.“ Und die Möwen verraten ihm nichts.

Nicht er selbst, doch „Forscher um O'Leary fürchten nun“ um das Schelfeis: „Sollte es kollabieren, würde das dramatische Folgen für die Antarktis und auch für den Planeten haben.“ Und weiter aus dem Rechen­buch für Apoka­lyp­tiker: „Alles Wasser, das in dem Schelfeis gespeichert ist, würde den Meeres­spiegel um zehn Zentimeter heben.“ [2,3] Wenn es aus dem Weltall ins Meer fiele. Da es aber bereits im Wasser schwimmt, hebt es gar nichts. Daß Eis vom Fest­land nach­rückt, wird als zusätz­licher Effekt drauf­geschlagen: „Zudem gilt es als eine Art Puffer für die Glet­scher, die hinter ihm auf der Land­fläche des Antark­tischen Konti­nents liegen. Fehlt das Schelfeis, rutschen sie weiter Rich­tung Küste und geben so noch mehr Wasser frei.“ Ja, Eisberge, Schelfeis und Gletscher geben vor allem dann sehr viel Wasser frei, wenn man Eis nicht als Wasser zählt.

Die meisten werden nicht viel weiter lesen, denn nach dem Drama kommt immer die lang­weilige Ernüch­terung: Der Eisberg kommt nicht weit, wir haben 2002 den Verlust eines ganzen Schelf­gebietes überlebt, und es wird ganz anders Anders Lever­mann zitiert: „Erste Analysen des Kräfte­feldes von Larsen C legen nahe, dass der Eisberg sich im passiven Bereich des Eis­schelfes befand, daher ist keine funda­mentale Störung des Kräfte­feldes zu erwarten und damit auch kein plötz­liches Zer­brechen des Eises wie 2002 bei Larsen B.“

[1] Caroline Ring: Was den Riesen-Eisberg A68 so unheimlich macht. Welt-N24, 12.07.2017.

[2] 2026: Ich nehme nicht an, falsch zitiert zu haben, aber dieser Satz fehlt inzwi­schen. Viel­leicht hat man sich den zu erwar­tenden und deshalb ersten Kommen­tar zu Herzen genommen: „ Wenn schwim­mendes Eis – wie z.B. das Schelf­eis oder auch ein Eis­berg – schmilzt, hat das abso­lut keinen Einfluß über die Höhe des Meeres­spie­gels, der bleibt exakt konstant. Einfach mal bei Archi­medes nach­lesen …“

[3] Wikipedia. Als ich im Jahre 2026 mich unter A-68 über die kata­stro­phalen Folgen sach­kundig machen wollte, sehe ich einen Verweis auf einen Artikel der FAZ, der wie [1] am glei­chen Tage wohl die gleiche dpa-​Meldung verhack­stückte, aus dem wie folgt eine poli­tisch korrekte Variante zitiert wird: „Würden alle Glet­scher abschmel­zen, die bisher von Larsen C am Abflie­ßen gehin­dert werden, würde der Meeres­spiegel etwa 10 cm anstei­gen.“ Sonst nix! Keine Schiffs­kolli­sion, alles geschmol­zen! Larsen C lebt noch!

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